Landeskunde Baden-Württemberg

 

Migration

Stand: Oktober 2017

Derzeit leben in Baden-Württemberg rund 1,7 Millionen ausländische Staatsangehörige. Damit machen sie etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, was bundesweit gesehen der größte Ausländeranteil unter den Flächenländern ist. Der Zuzug von ausländischen Staatsbürgern, sowie deren Familiengründungen - lange war die Geburtenrate bei ausländischen Frauen deutlich höher als bei deutschen Frauen - beeinflussen die Einwohnerzahl des Landes. So hatten im Jahr 2015 rund 3 Millionen Baden-Württemberger Migrationshintergrund - das ist fast jeder Vierte.

Phasen der Einwanderung

Der Einwanderungsprozess lässt sich gut in Phasen einteilen. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Heimatvertriebene und Flüchtlinge, die in den Südwesten kamen. Diese Gruppen machten im Jahr 1950 etwa 13,5 Prozent (862.000) der damaligen Gesamtbevölkerung aus.


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Mitte der 1950er Jahre dann begann mit dem „Wirtschaftswunder“ die Zuwanderung der „Gastarbeiter“ aus Italien, denen Migranten vor allem aus Jugoslawien, Spanien und der Türkei folgten. Eine dritte Zuwanderungsphase brach Ende der 1980er Jahre an: Deutschstämmige Spätaussiedler wanderten ein – zunächst hauptsächlich aus Rumänien und Polen, anschließend vor allem aus der früheren Sowjetunion – sowie Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der vorläufige Höhepunkt des Einwandererzustroms wurde zwischen 1988 und 1993 erreicht: In diesen Jahren betrug der Wanderungssaldo nach Baden-Württemberg (Zuzüge abzüglich Fortzüge) insgesamt rund 370.000 Menschen.

Ab Mitte der 1990er Jahre ist die Einwanderung aus dem Ausland nach Baden-Württemberg für einige Jahre deutlich zurückgegangen: Es sind nicht nur weniger Spätaussiedler zugezogen, sondern auch viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihre Heimatländer zurückgekehrt. So betrug der Wanderungssaldo 2009 nur noch 3.400 Personen.

Seit 2009 hat sich diese Tendenz gewandelt und die Zahl der Zuwanderer wächst wieder. So sind 2015 rund 317.000 Menschen nach Baden-Württemberg gezogen, während 151.000 Menschen fortgezogen sind. Der daraus folgende Wanderungssaldo ist so hoch wie nie seit Bestehen des Landes.

Herkunftsländer

Von allen Migrant/innen im Land stammen die meisten nach wie vor ursprünglich aus der Türkei. Die zweitgrößte Gruppe bilden Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien gefolgt von Bürgern aus Italien, Griechenland und aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Rund 40 Prozent der Menschen mit ausländischem Pass kommen aus einem der 27 anderen EU-Staaten.

Wer hat Migrationshintergrund?

Einen Migrationshintergrund haben nach der Definition des Zensus 2011 alle, die entweder:

  • Ausländer/innen sind
  • im Ausland geboren und nach dem 31.12.1955 nach Deutschland zugewandert sind;
  • einen im Ausland geborenen und nach dem 31.12.1955 nach Deutschland zugewanderten Elternteil haben.

Flucht und Asyl

Als "Migranten" werden zunächst Menschen bezeichnet, die ihr Land aus eigenem Antrieb verlassen haben. Sie unterscheiden sich von "Flüchtlingen", die zur Flucht gezwungen waren. So legt es das Völkerrecht fest. Umgangssprachlich vermischen sich diese Begriffe aber, weshalb häufig auch bei Flüchtlingen von Migranten gesprochen wird.

 

Flüchtlinge

Juristisch gesprochen ist ein Mensch nur dann Flüchtling, wenn er den Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention entspricht, also wenn er eine begründete Furcht vor Verfolgung hat und deshalb in seinem Land nicht mehr sicher ist oder nicht mehr dorthin zurückehren kann. Im Unterschied zu Asylsuchenden werden hier nicht nur Politisch Verfolgte anerkannt, sondern auch Menschen, denen wegen ihrer Rasse, Religion oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in ihrem Heimatland Gefahr droht.

Wird diese Flüchtlingseigenschaft vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bestätigt, dann bekommt der Eingewanderte den Status eines anerkannten Flüchtlings. Das bedeutet, dass er eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre bekommt und eine Arbeitserlaubnis. Sofern die Erlaubnis nach drei Jahren nicht widerrufen wird, kann der anerkannte Flüchtling anschließend unbefristete Niederlassungserlaubnis erhalten.

Asylsuchende

Menschen, die sich gerade in einem Asylverfahren befinden, werden Asylsuchende genannt. In dieser Zeit prüft das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Anträge. Anschließend urteilt das BAMF, ob der Antragsteller asylberechtigt ist, ob er als Flüchtling anerkannt wird oder ob keine der beiden Einteilungen gegeben ist.

Während des Verfahrens dürfen Asylsuchende erst nach drei Monaten und dann auch nur eingeschränkt arbeiten. Erst nach 15 Monaten können die Bewerber anderen Arbeitnehmern gleichberechtigt einer Arbeit nachgehen. Wird die Asylberechtigung ausgestellt, bedeutet das zunächst - wie bei anerkannten Flüchtlingen - eine Arbeitserlaubnis und eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Nach drei Jahren wird der Schutzstatus überprüft und es kann eine unbefristete Niederlassungserlaubnis erteilt werden.

Asylerstanträge

Wie in ganz Deutschland ist die Zahl der Asylerstanträge auch in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren stark gestiegen, wobei 2016 etwa 31.200 Menschen einen Antrag im Bundesland gestellt haben. Das ist erheblich weniger als noch 2015, als es etwa 97.800 Menschen waren. Die meisten der Asylsuchenden kommen aus Syrien (28 Prozent), dem Irak (12 Prozent) und Afghanistan (11 Prozent), sowie aus Gambia (10 Prozent). Rund die Hälfte ist zwischen 18 und 34 Jahre alt und der Anteil der Männer liegt mit 65,6 Prozent deutlich über dem der Frauen.

Integration

Einen Überblick über den Umfang des Integrationsbedarfs bieten Zahlen aus dem Integrationsmonitoring, das zentrale Bereiche der Integration wie Bildung und Erwerbstätigkeit analysiert. Betrachtet werden neben den zugewanderten und in Deutschland geborenen Ausländern auch Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, das heißt Spätaussiedler, eingebürgerte Personen sowie die Kinder von Spätaussiedlern und von Eingebürgerten. Zusammen haben mehr als ein Viertel aller Baden-Württemberger/innen oder rund drei Millionen Menschen einen solchen Migrationshintergrund. Auch damit liegt das Land deutlich über dem Bundesdurchschnitt und an erster Stelle der deutschen Flächenländer.

Einbürgerungen

Mit einer Einbürgerung können Menschen mit ausländischem Pass die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen und damit alle Rechte und Pflichten erwirken, die auch deutsche Staatsangehörige haben. Dafür sind gewisse Voraussetzungen, wie etwa Deutsch-Kenntnisse, eine gemeldeter Wohnsitz in Deutschland seit mehr als acht Jahren und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung notwendig.

Unterschied: Einwohner oder Bürger?

Inzwischen entscheiden sich immer mehr Menschen für eine Einbürgerung. So sind im Jahr 2016 insgesamt 17.791 Ausländer/innen in Baden-Württemberg eingebürgert worden - so viele, wie seit 2003 nicht mehr. Doch vergleicht man die Zahlen mit dem Jahr 2000, als neue Regelungen des Staatsangehörigkeitsrechts in Kraft getreten sind, liegt die Zahl der Einbürgerungen rund 40 Prozent niedriger als damals.

Die meisten der Menschen, die sich seitdem für eine deutsche Staatsangehörigkeit entschieden haben, sind aus der Türkei - fast jeder sechste - und dem ehemaligen Jugoslawien. Vergleichsweise gering sind die Einbürgerungen der Menschen aus EU-Ländern, da deren Staatsangehörigkeit schon jetzt eine Gleichstellung mit den deutschen Staatsangehörigen zusichert. Jedoch hat sich die Zahl der eingebürgerten Briten im vergangenen Jahr stark verändert und sich gegenüber 2015 sogar verfünffacht. Heute leben fast siebzig Prozent aller Migranten ohne deutschen Pass schon länger als zehn Jahre hier. Fast fünfzig Prozent der im Land lebenden ausländischen Staatsbürger haben ihr Leben vollständig oder zum ganz überwiegenden Teil in Deutschland verbracht. Insgesamt 84 Prozent der unter den in Baden-Württemberg lebenden Ausländer genießen ein langfristiges Aufenthaltsrecht (2013).

Charta der Vielfalt

Seit 2012 ist Baden-Württemberg als zwölftes Bundesland Mitglied der "Charta der Vielfalt". Hinter diesem Namen steht ein Manifest sowie ein Wirtschaftsverband, der sich für ein Arbeitsumfeld frei von Vorurteilen einsetzt. Schirmherrin der Charta ist Angela Merkel.

In der Charta heißt es: "Wir sind überzeugt: Gelebte Vielfalt und Wertschätzung dieser Vielfalt
haben positive Auswirkungen auf die Gesellschaft in Baden-Württemberg."

Durch den Beitritt Baden-Württembergs will die Landesregierung zum Ausdruck bringen, dass Vielfalt auch in der Landesverwaltung Wertschätzung findet. Weder Nationalität, Staatsangehörigkeit, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, noch Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Orientierung bzw. Identität sollen zu einer Ausgrenzung führen. Dafür stellt die Charta ein Sechs-Punkte-Programm auf, das die Unterzeichnenden in Bezug auf die eigenen Umstände prüfen sollen.

Charta der Vielfalt

Indikatoren der Integration

Eine gelungene schulische oder berufliche Laufbahn spielt für erfolgreiche Integration eine wichtige Rolle. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in den jüngeren Altersgruppen ist deutlich höher als in den mittleren und älteren Altersgruppen. So sind rund 25 Prozent der Migrantinnen und Migranten in Deutschland unter 18 Jahre, bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil nur bei 15 Prozent. Zwar haben ausländische Jugendliche heute einen deutlich besseren Bildungsstand als die ältere Ausländergeneration, dennoch erreichen sie wesentlich seltener höhere Bildungsabschlüsse als ihre deutschen Altersgenossen. Auch das Niveau der beruflichen Bildung junger Menschen mit Migrationshintergrund bleibt hinter dem ihrer deutschen Altersgenossen ohne Migrationshintergrund zurück.

In Baden-Württemberg sind 70 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund erwerbstätig, was bundesweit eines der besten Ergebnisse ist. Auch gibt es hier den geringsten Unterschied in der Erwerbstätigkeit zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, die hier nur um 9 Prozent zurückliegen. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass zu der Gruppe der Erwerbstätigen (15- bis 65-jährige) 1,4 Millionen Menschen, die im weitesten Sinne Migrationshintergrund haben, gehören. Das sind anteilig an der Gesamtbevölkerung deutlich mehr, als die Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund (3,8 Millionen), was auf die Altersstruktur insgesamt zurückzuführen ist.

Regional betrachtet leben die meisten Eingewanderten in den industriellen Ballungsräumen des Landes. Von allen Regionen Baden-Württembergs weist die Landeshauptstadt Stuttgart mit 43 Prozent den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund auf. Verglichen mit anderen deutschen Großstädten liegt die Stadt Stuttgart deshalb sogar mit großem Abstand an der Spitze. So haben selbst Hamburg mit seinen 32 Prozent, Bremen mit 29 Prozent, sowie Berlin mit ebenfalls rund 29 Prozent deutlich weniger Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund als die baden-württembergische Landeshauptstadt.

Weiterführende Links

Integrationsmonitoring: 3. Bericht (2013)

Innenministerium Baden-Württemberg:
Ausländer

LpB-Publikationen:
Der Bürger im Staat: Zuwanderung und Integration
Deutschland & Europa: Migration
Politik und Unterricht: Türken bei uns

Bundeszentrale für politische Bildung: Migration
Politische Bildung: Migration  

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