Landeskunde Baden-Württemberg

 

Ende des Alten Reiches

Am Vorabend der Französischen Revolution bot der deutsche Südwesten mit seinem kleinkammrigen Bauplan von mehr als 250 selbstständigen Territorien das klassische Bild der „Kleinstaaterei“ im hochgradig zersplitterten Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Vier große weltliche Staaten formten dabei den Grundstock der Silhouette, die man heute mit dem Land Baden-Württemberg verbindet: Die Kurpfalz, die Markgrafschaft Baden, das Herzogtum Württemberg und die habsburgischen Erblande der vorderösterreichischen Ländermasse.

Die Kurpfalz

Unter den südwestdeutschen Territorien nimmt die Kurpfalz eine besondere Stellung ein. Aufgrund der dynastischen Verflechtungen – erst mit den Staufern, dann mit den Wittelsbachern – wurde hier immer auch Reichspolitik gemacht. Der Pfalzgraf war der einzige Kurfürst im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg, der an der Königswahl beteiligt war. Mit Ruprecht I. stellte die Kurpfalz im Jahr 1400 den deutschen König.

Seit Beginn des 13. Jahrhunderts war die rheinische Pfalzgrafschaft mit Bayern vereinigt. Mitte des 14. Jahrhunderts erfolgte die Trennung zwischen Oberbayern und Niederbayern einerseits sowie der Pfalz mit der Oberpfalz andererseits. Die kaiserliche Goldene Bulle (1356) schrieb schließlich die Unteilbarkeit der Kernlande fest, die seither Kurpfalz genannt werden.

Durch eine kluge Politik und eine effiziente Verwaltung konnte das wenig geschlossene Territorium der Kurpfalz zusammengehalten und vermehrt werden. So griff die Kurpfalz am Ende des Alten Reiches weit über den Rhein nach Westen (Kaiserslautern, Zweibrücken, Bacharach) und nach Osten (Mosbach, Boxberg) aus. Südlich reichte sie über Germersheim den Rhein entlang und in das Kraichgau hinein. Über ihr gesamtes Bestehen hinweg bildete die Kurpfalz immer die Klammer zwischen dem südwestdeutschen und dem mittelrheinischen Raum. In Heidelberg und seiner 1386 gegründeten Universität lag das politische und auch geistige Zentrum der Kurpfalz.

In der Neuzeit erlebte die Kurpfalz den Frontenwechsel zwischen allen drei großen Konfessionen und damit auch die Verwicklung in dramatisches Kriegsgeschehen. Der Einführung der Reformation (1556) folgte der Calvinismus. Im Jahr 1607 wurde, auch als Zufluchtsstätte für die calvinistischen Glaubensbrüder, die Stadt Mannheim gegründet. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg zwischen Frankreich und der katholischen Linie Pfalz-Neuburg kam es zur Sprengung des Heidelberger Schlosses (1693) und zur fast vollständigen Zerstörung der kurpfälzischen Städte und Dörfer durch französische Truppen.

Der Übergang der Herrschaft an eine katholische Linie der Wittelsbacher konnte zwar nichts an der Konfession der Bevölkerung ändern, führte aber zu massiven Spannungen. Dem Ausbau des Schwetzinger Schlosses im barocken Stil folgte 1720 die Verlegung der Residenz von Heidelberg nach Mannheim. Unter Kurfürst Karl Theodor (1742–1799) erlebte die Kurpfalz eine letzte Blüte in Wirtschaft und Kultur, bevor mit der Residenzverlagerung nach München (1778) im Zuge der Übernahme des bayerischen Erbes ihr Bedeutungsverlust einsetzte. Um 1800 verlor die Kurpfalz ihre Eigenstaatlichkeit und wurde aufgeteilt.

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Die Markgrafschaft Baden

Die Geschichte der Markgrafschaft Baden ist die Geschichte des erfolgreichen Aufstiegs eines ursprünglich kleinen Adelsgeschlechts, dessen Ursprünge im Haus der Zähringer liegen. Die Markgrafenfamilie, die sich nach ihrer über der Stadt Baden liegenden gleichnamigen Burg nannte, hatte sich schrittweise und zumeist aus staufischem Reichsgut heraus im Raum zwischen Ettlingen, Rastatt und Baden-Baden etabliert.

Der territorial zersplitterte Besitz reduzierte sich im 17. Jahrhundert auf ein im Wesentlichen oberrheinisches Herrschaftsgebiet, das auch die breisgauischen Besitzungen Hochberg, Sausenberg, Rötteln, Badenweiler und das Markgräflerland umfasste.

Seit einer Erbteilung im Jahr 1515 standen sich die obere Markgrafschaft Baden-Baden mit Residenz in der gleichnamigen Stadt (seit 1705 in Rastatt) sowie die untere Markgrafschaft Baden-Durlach mit Residenz zuerst in Pforzheim, dann in Durlach und ab 1724 in Karlsruhe gegenüber.

Der einzige Barockfürst der Durlacher Linie, Karl Wilhelm, gründete 1715 mit der Grundsteinlegung des Schlosses die Fächerstadt Karlsruhe. Baden-Durlach war 1556 evangelisch geworden, während das zuerst ebenfalls evangelische Baden-Baden rekatholisiert wurde. Erst 1771 kam es durch einen Erbvertrag zur Wiedervereinigung der beiden badischen Markgrafschaften, wobei das evangelische Baden- Durlach als Musterstaat des aufgeklärten Absolutismus das katholische Baden-Baden beerbte. Die alten Residenzen Baden-Baden und Rastatt verloren ihre Funktionen, während sich Karlsruhe zum administrativen und kulturellen Zentrum entwickelte.

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Herzogtum Württemberg

Herrschaft

Erst nach dem Untergang der Staufer Mitte des 13. Jahrhunderts war den Grafen von Württemberg der zielstrebige Aufbau einer territorial geschlossenen Herrschaft gelungen. Einer Ausdehnung der Württemberger im schwäbisch fränkischen Raum war zuvor eine Vielzahl konkurrierender Adelsgeschlechter im Wege gestanden. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts waren die Württemberger, die sich nach der Burg „Wirtemberg“ auf dem Rotenberg zwischen Esslingen und Cannstatt nannten, die dominierende Macht im Neckarbecken und die größte Grafschaft des Reiches.

Nach einer Teilung in die Linien Urach (mit dem linksrheinischen Mömpelgard und der Grafschaft Willisau mit der Stadt Reichenweiher im Elsass) und Neuffen bzw. Stuttgart war es erst Graf Eberhard V. im Bart, dem Gründer der Universität Tübingen (1477), gelungen, das Land wieder zu vereinen. Der Münsinger Vertrag von 1482 sah die künftige Unteilbarkeit Württembergs vor. Die Erhebung zum Herzogtum im Jahr 1495 war der krönende Abschluss des Werkes Eberhards im Bart, zugleich aber auch der Auftakt zu neuen Krisen. Nach der versuchten Annexion der Reichsstadt Reutlingen (1519) durch Herzog Ulrich und der folgenden militärischen Niederlage musste der württembergische Herzog das Land verlassen, das an das Reich bzw. an Österreich fiel.

Religion

Im Jahr 1535 wurde in Württemberg die evangelische Kirchenreformation durchgeführt, die aber erst nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 vollendet werden konnte. Unter Herzog Christoph wurde Württemberg zu einer geschlossen evangelischen Herrschaft und machte sich auf den Weg vom mittelalterlichen Territorium zum frühneuzeitlichen Territorialstaat mit Zentralverwaltung. In der Folge des Dreißigjährigen Krieges und der Franzosenkriege geriet das Land in einen allgemeinen Niedergang. Bereits 1617 war es erneut geteilt worden. Erst 1733 übernahm die Nebenlinie Württemberg Winnental die Nachfolge der ausgestorbenen Hauptlinie.

Das Herzogtum, das vom fürstlichen Absolutismus und einem starken Pietismus geprägt war, reichte am Ende des Alten Reiches in seiner territorialen Ausdehnung von der Schwäbischen Alb im Süden bis an die Jagst im Norden, vom Kniebis im Westen bis nach Göppingen und an die Reichsstadt Ulm im Osten. Zahlreiche territoriale Splitter am oberen Neckar um die Reichsstadt Rottweil sowie Exklaven wie Heidenheim kamen hinzu.

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Vorderösterreich

Herrschaft ...

Im späten 18. Jahrhundert hatte das Haus Habsburg einen eindrucksvollen Besitz im Südwesten, der aus ihrem ursprünglichen Hausgut in der Schweiz und im Elsass hervorgegangen war. Seit dem 15. Jahrhundert war dafür der Name „vordere Lande“ – vor dem Arlberg – geläufig geworden, später die Bezeichnung Vorderösterreich.

Am Ende des Alten Reiches reichte die österreichische Sekundogenitur mit geografischen Schwerpunkten am Oberrhein und im Schwarzwald von der Hauptstadt Freiburg und die Waldstädte am Hochrhein über die fünf Donaustädte Mengen, Riedlingen, Munderkingen, Saulgau und Ehingen bis zur Grafschaft Hohenberg mit Rottenburg und damit bis an die Tore des württembergischen Tübingens. Teile des Allgäus kamen hinzu.

Obwohl die vorderösterreichische Ländermasse eines der größten Territorien im Südwesten war, erinnert heute nur wenig an die Herrschaft der Habsburger in diesem Raum. Monumentale Zeugnisse in Form von Burgen und Residenzen sind kaum zu finden. Auch den meisten der rund vierzig südwestdeutschen Städte, die im 18. Jahrhundert habsburgisch waren, ist dies nur bei genauer Betrachtung anzusehen – am ehesten wohl noch Freiburg mit dem Haus des Ritterstandes am Marktplatz oder Ehingen mit dem dortigen Haus der schwäbisch-österreichischen Landstände. Bisweilen trifft man noch auf Wandgemälde und Wappen an historischen Gebäuden wie in Waldsee, Horb oder Rottenburg.

... und Fremdherrschaft

Die Geschichte dieser österreichischen Erblande ist weitgehend frei von konfessionell bedingten Konflikten, denn durch den Einfluss des Hauses Habsburg konnte die Bevölkerung geschlossen beim „alten Glauben“ gehalten werden. Sie ist auch frei von glanzvoller höfischer Kultur, denn die Residenzen waren immer fern – erst die erzherzogliche in Innsbruck, später der noch fernere kaiserliche Hof in Wien. Zwar erschien vielen Zeitgenossen „Schwäbisch Österreich“ aufgrund der Vermischung mit zahlreichen anderen Territorien als „zusammengeklaubt“, aber die Vorderösterreicher nahmen sich dennoch als Land von beachtenswertem Rang wahr, auch wenn man weitab vom „wahren Österreich“ war und sich bisweilen als „Schwanzfeder des Kaiseradlers“ fühlte.

Zwar war es von Wien bis Freiburg, der Hauptstadt Vorderösterreichs, die mit ihrer Universität auch ein geistiges und kulturelles Zentrum war, weit. Auch wirtschaftlich war man nicht so potent wie andere Teile der habsburgischen Erblande, doch wusste man auch um seine geopolitisch wichtige Lage als „Vorposten der Monarchie“.

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Fürstentümer, Reichsgrafen und Ritterschaften

Eine ganze Reihe kleiner Herrschaftsgebiete von alten und jüngeren Grafschaften bis hin zu den zu selbstständigen Territorien aufgestiegenen ehemaligen Reichsministerialen des Mittelalters sorgten für farbliche Vielfalt auf der Karte des deutschen Südwestens. Diese fürstlichen und hochadeligen Klein- und Kleinstherrschaften prägten vor allem den Süd- und Nordosten des heutigen Landes.

Die für den Raum bedeutendsten fürstlichen Herrschaften waren das Fürstentum Fürstenberg mit Residenz in Donaueschingen, die Fürstentümer Hohenzollern (Sigmaringen, Hechingen, Haigerloch) sowie die Fürstentümer Hohenlohe, Öttingen, Löwenstein-Wertheim, Waldburg, Limpurg sowie Thurn und Taxis. Obwohl sie teilweise vielfach unterteilt waren, wiesen sie doch eine beachtliche territoriale Ausdehnung auf und prägten – wie etwa Hohenlohe – ganze Landschaftsräume mit Burgen und Schlössern. Bis 1792 reichte auch das dann preußisch gewordene Markgraftum Brandenburg-Ansbach in den nordöstlichen Bereich (Crailsheim, Gerabronn) des heutigen Landes.

Eine Vielzahl weltlicher graf- und reichsritterschaftlicher Splitterterritorien kam hinzu, wobei die reichsritterschaftlichen Besitzungen eine besonders amorphe Gruppierung bildeten. Sie schwankten zwischen reichsritterschaftlicher Einzelherrschaft und genossenschaftlichem Zusammenschluss und waren vor allem dort entstanden, wo die großen weltlichen Herrschaften ein Vakuum ließen.

Am Ende des Alten Reiches waren die reichsritterschaftlichen Kleinstherrschaften in Südwestdeutschland mit den fünf Kantonen Donau (Kanzlei Ehingen), Hegau und Allgäu (Kanzleien Wangen und Radolfzell), Neckar-Schwarzwald (Kanzlei Tübingen), Kocher (Kanzlei Esslingen) und Kraichgau (Kanzlei Heilbronn) des Schwäbischen Ritterkreises vertreten. Von den Gliedern des Fränkischen Ritterkreises lag nur der Kanton Odenwald mit nennenswerten Gebieten im heutigen Land.

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Geistliche Herrschaften

Die südwestdeutschen Strukturen kleiner Kultur ergänzten – in ähnlicher
Vielfalt wie bei den weltlichen Territorien – die geistlichen Herrschaften. Ihre
breit gestreute Verteilung im südwestdeutschen Raum war der Tatsache geschuldet, dass bis auf Würzburg sämtliche Bischofssitze links des Rheins und damit – abgesehen von Konstanz – außerhalb des heutigen Landes lagen. Der südwestdeutsche Raum wurde so zwar vom territorialen Ausbreitungsstreben der Hochstifte – wie der weltliche Herrschaftsbereich der Fürstbistümer genannt wird – erfasst, gleichzeitig blieben diese geistlichen Territorien aber meist recht klein und zersplittert.

Das Erzstift Mainz und die Hochstifte Würzburg, Worms, Speyer, Straßburg, Basel und Konstanz hatten den größten Territorialbesitz im deutschen Südwesten. Es folgte die Fürstprobtei Ellwangen und Sankt Blasien, das 1746 in den Reichsfürstenstand erhoben worden war.

Hinzu kamen geistliche Zwergstaaten, die aus den Besitzungen einzelner Klöster hervorgegangen waren und die vor allem das herrschaftlich völlig zersplitterte Oberschwaben prägten: Salem, Ochsenhausen, Zwiefalten, Weingarten, Schussenried, Rot an der Rot, Buchau, Weissenau, Marchtal und andere. Sie alle bildeten bescheidene Territorien mit Einwohnerzahlen zwischen 3 000 und 15 000. Von ähnlich geringer Größe waren auch die Reichsprälatenklöster Neresheim, Isny, Gengenbach, Petershausen, Beuron oder Schöntal. Ein guter Teil dieser Klöster besaß die Reichsstandschaft und damit eine gemeinsame Vertretung beim Reichstag und auf dem Schwäbischen Kreistag. Andere Klöster, die nicht unmittelbar dem Reich unterstellt waren, sogenannte Mediatklöster, konnten ähnlich wohlhabend und angesehen sein wie die reichunmittelbaren geistlichen Territorien.

Die Gruppe der geistlichen Herrschaften ergänzen die Besitzungen des Deutschen Ordens, der vor allem durch Privilegien der Stauferkönige zu Reichs- und Königsgut gekommen war. Der südwestdeutsche Besitz des Deutschen Ordens, der als geistlicher Ritterorden in der Zeit der Kreuzzüge gegründet worden war, gehörte entweder unmittelbar zum Deutschmeistertum (Mergentheim sowie Gebiete im Tauber- und Neckarland) oder aber zu den Balleien Franken (Kommende Kapfenburg mit Streubesitz in den Kommenden Heilbronn und Ulm) und Elsass-Burgund (Altshausen, Mainau und kleinere Gebiete am Hochrhein). Hinzu kam der Johanniterorden mit seinem Besitz Heitersheim südlich von Freiburg.

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Reichsstädte

Vervollständigt wurde der südwestdeutsche Flickenteppich des Alten Reiches durch die Reichsstädte, die gleichermaßen wie die reichsunmittelbaren weltlichen und geistlichen Herrschaften nur dem Kaiser unterstanden. Im heutigen Baden-Württemberg finden sich allein 24 der insgesamt 51 Reichsstädte des Alten Reiches, sechs davon in Baden, die restlichen in Württemberg.

Die meisten davon lagen auf staufischem Eigengut oder Kirchenlehen (Hall, Ravensburg, Biberach, Buchhorn, Leutkirch, Pfullendorf, Bopfingen, Esslingen, Gmünd, Giengen/Brenz, Heilbronn, Wimpfen, Gengenbach, Zell am Harmersbach). Auf altem Reichsbesitz lagen Ulm und Überlingen, während Weil der Stadt, Buchau und Wangen im Allgäu staufische und Reichsvogteistädte waren. Rottweil und Offenburg hatte das Reich nach dem Aussterben der Zähringer an sich gezogen, Reutlingen und Aalen hatten die ehemaligen Herren ans Reich abgetreten, und in Isny hatten sich die Bürger von den Truchsessen von Waldburg an das Reich losgekauft.

Die meisten Reichsstädte blieben kleine Territorien mit wenigen Dörfern und Weilern im Umland. Andere wiederum blieben auf die Stadtmarkung beschränkt (Buchhorn, Isny, Buchau, Giengen/Brenz, Offenburg, Weil der Stadt). Nur wenigen gelang es, größeren territorialen Besitz zu erlangen. Das größte reichsstädtische Territorium im Südwesten war Ulm, gefolgt von Schwäbisch Hall und Rottweil. Rottweil beispielsweise, das am obersten Neckar auf dem Gebiet des römischen Ortes Arae Flaviae und an einer wichtigen römischen Verkehrsbindung liegt, hatte bereits im 16. Jahrhundert ein ansehnliches Herrschaftsgebiet mit 28 Dörfern, die vor allem aus den Gütern der ausgestorbenen Grafen von Zimmern stammten. Am Ende des 18. Jahrhunderts unterstand Rottweil, wo auch ein kaiserliches Hofgericht war, ein Gebiet von rund 220 qkm mit etwa 13 600 Einwohnern in mehreren Dutzend Orten.

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Gemeinsame Strukturmerkmale

Jedes dieser zahlreichen Territorien hat seine eigene Geschichte und seine eigene kulturell-konfessionelle Prägung. Dennoch lassen sich gemeinsame Strukturmerkmale feststellen. Generell führte die Kleinheit der Herrschaftsgebiete überall dazu, dass ein absolutistisches Regime nur schwerlich geführt werden konnte. Der Dualismus zwischen Herrschaft und „Landschaft“, zwischen Herrscherhaus und Untertanen, war außerordentlich ausgeprägt und führte zur gegenseitigen Abgrenzung von Rechten und Institutionen, die die landständische Vertretung sicherten. Am stärksten war diese Partizipationskultur in Württemberg verankert, wo seit dem „Tübinger Vertrag“ von 1514 kein Herzog die Herrschaft antreten konnte, bevor er nicht diese „altwürttembergische Magna Charta“ bestätigt und damit der „Landschaft“ ihre Rechte zugesichert hatte.

Aufklärung und Modernisierung

Unter steigendem Modernisierungsdruck hatten sich im 18. Jahrhundert auch vitale Barockfürsten wie der württembergische Herzog Carl Eugen zu Aufklärern gewandelt. Karl Friedrich von Baden ging, weil nun auch der grunduntertänige und leibeigene Bauer zum Gegenstand landesherrlicher Betrachtungen geworden war, gar bis zur Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft.

Herrschaftsformen

Generell gilt die Regel: Je kleiner das Territorium, desto weniger intensiv die Herrschaft (Hans-Georg Wehling). Gerade die kleinen Herrschaften verfügten nicht über die Machtmittel, um ihren Willen gegen die Untertanen durchzusetzen. Nur in seltenen Fällen kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen wie im Bauernkrieg von 1525. Vielmehr ging es darum, sich zu arrangieren und einen Modus vivendi zu finden.

Mit der bürokratischen Durchdringung ihrer Gebiete waren die kleinen Herrschaften oft ebenso überfordert wie mit dem Aufbau militärischer Macht oder höfischer bzw. adeliger Repräsentation. Viele der Kleinstherrschaften suchten auch deshalb die Anlehnung an größere Herren. So vermochte das Haus Habsburg traditionell eine größere Klientel von katholischen Reichsstiften, Reichsgrafen, Reichsrittern und Reichsstädten um sich zu scharen. Vor allem die katholischen Adelsfamilien Oberschwabens übernahmen gerne kaiserliche Dienste und sicherten damit wiederum die österreichische Position im deutschen Südwesten ab.

Betrachtet man die heutige bauliche Prägung Baden-Württembergs, so fällt auf, dass nur die großen und wirtschaftlich leistungsfähigen Territorien in der Lage waren, stattliche Residenzen zu bauen. Vor allem die barocken Residenzen in Ludwigsburg (Württemberg), Mannheim und Schwetzingen (Kurpfalz), sowie Karlsruhe und Rastatt (Markgrafschaften Baden-Durlach bzw. Baden-Baden) geben davon beredtes Zeugnis. Hinzu kommen bischöfliche Residenzen wie Meersburg (Bistum Konstanz) und Bruchsal (Bistum Speyer). Die kleineren weltlichen Herrschaften waren dazu nicht in der Lage. Dennoch prägten auch sie mit ihren Bauten Landschaftsgebiete und Städte wie Oberschwaben, Hohenlohe, Donaueschingen oder Ellwangen. 

Dualismus Herrscherhaus und Untertane

„Unter dem Krummstab ist gut leben!“ Diese Formel galt für das Zusammenleben in vielen der geistlichen Territorien. Wohl regierten manche der Fürstpröbste und Reichsäbte mit absolutistischer Gesetzes- und Wirtschaftspolitik – teilweise auch über ihre Verhältnisse –, doch zwischen der geistlichen Regierung und den Untertanen kam es nur selten zu Spannungen. Der Geist der katholischen Aufklärung hatte nicht nur Wirtschaft und Wissenschaft beflügelt, sondern auch zu einer Balance von Despotie und Aufklärung geführt.

Die Untertanen profitierten von Ämtern und Dienstleistungsfunktionen an Hof und Stiftskapitel, nicht zuletzt auch von der regen Bautätigkeit der Herren. Ähnliches galt auch für die umliegenden Bauernlandschaften: Die naturale Verflechtung von Klosterwirtschaft und Bauernwirtschaft prägte die gegenseitigen Beziehungen.

Errungenschaften und Fortschritt

Viele der geistlichen Territorien galten am Ende des Alten Reiches als reiche und bedeutende Herrschaften mit baulicher Pracht und wichtigen Funktionen als Verwaltungs-, Handels- und Bildungszentren. Geblieben sind auch herausragende wissenschaftliche Arbeiten und architektonische Meisterleistungen. Vor allem die barocken Klöster aus der Zeit der Gegenreformation – Weingarten, Zwiefalten, Ochsenhausen, Wiblingen, Neresheim und Schussenried als Höhepunkte spätbarocker europäischer Architektur –, aber auch die nachbarocken Bauten wie Sankt Blasien demonstrieren noch heute nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch die kulturelle Ausstrahlungskraft dieser geistlichen Herrschaften.
Von den südwestdeutschen Reichsstädten hatten hingegen nur wenige zur territorialbildenden Kraft werden können.

Gemeinsam war ihnen aber, dass 222 sie nicht nur städtebaulich und als Handelszentren an infrastrukturellen Knotenpunkten, sondern auch politisch nachhaltig wirkten. Da sie keinem Herrn außer dem Kaiser untertan waren, schufen ihre kaiserlichen Privilegien den Rahmen für die Entwicklung der persönlichen Freiheiten der Bürger. Rat und Bürgerschaft setzten sich ihre Ordnungen in eigener Machtvollkommenheit. Rathaus und Marktplatz, in ihrer historischen Form noch heute in jeder der Reichsstädte zu sehen, sind Symbole für die autonome Selbstverwaltung des städtischen Gemeinwesens.

Bürgerschaftliche Gesinnung, Handelsfreude und industrialistisches Denken haben sich hier oft auf kleiner Fläche vereint und finden auch in der Baukunst als Sinnbild einer eigenen und kostbaren Stadtkultur ihren Ausdruck. Die im 13. und 14. Jahrhundert begonnenen Münsterkirchen in Freiburg, Ulm, Schwäbisch Gmünd oder Reutlingen waren nicht nur Ausdruck von Frömmigkeit, sondern auch weithin sichtbare Zeichen von Macht, Wohlstand und bürgerlicher Autonomie.

Nachwirkungen

Auch wenn die Reichsstädte am Ende des Alten Reiches oft schlecht verwaltet und stark verschuldet waren, so wollten sie ihre Selbstständigkeit doch nicht freiwillig abgeben. Langfristig gesehen hat das „Klima“ in den Reichsstädten eine auffallend große Zahl politisch und wirtschaftlich selbstständig denkender Köpfe hervorgebracht. Mit ihren republikanisch-demokratischen Traditionen wurden die Reichsstädte im 19. Jahrhundert zum Kristallisationspunkt der Freiheitsbewegung des liberalen Bürgertums.

Weil viele von ihnen in ihrer territorialen Ausdehnung klein geblieben waren, standen sie exemplarisch auch für einen der langfristig abgeschwächten gesellschaftlichen Basiskonflikte im deutschen Südwesten, das Zusammenleben von städtischer und ländlicher Bevölkerung. Durch ihre kleinräumige Struktur waren viele Reichsstädter „Ackerbürger“ mit traditionell enger Stadt-Land-Beziehung geblieben. Selbst die Industrialisierung hat diese enge Verfl echtung zwischen Städtern und einpendelnden Nebenerwerbslandwirten nur bedingt aufgelöst.

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