Landeskunde Baden-Württemberg

 

Gedenkstätten

Zahlreiche Gedenkstätten im Land erinnern an die Verbrechen und an die Leiden der Opfer. In ihrer Vielfalt spiegeln sie die Systematik der Verfolgung durch das NS-Regime und dessen rassistisch-ideologische Verblendung wider. Die NS-Diktatur maßte sich die unkontrollierte Herrschaft über die Freiheit der Bürger, über Leben und Tod missliebiger, rassistisch ausgegrenzter oder gar als „lebensunwert“ bezeichneter Menschen an.

Die Erinnerung daran war hier wie andernorts schwierig. Nach langer Verdrängung begannen sich ab etwa 1980 an einzelnen Orten Initiativen zu bilden, die sich der Vergangenheit stellten. Das war nicht immer einfach und erforderte Mut und Durchhaltevermögen. Oft dauerte es bis in die 1990er Jahre hinein, bis die Akzeptanz zunahm und zudem eine öffentliche Unterstützung einsetzte. Heute erinnern die Gedenkstätten an die Opfer. Sie sind Orte der Trauer und der Besinnung.

Meistens wollen sie sich aber damit nicht begnügen, sondern bieten Informationen und pädagogische Programme im Rahmen der Bildungspläne für die Jugend- und Erwachsenenbildung. Sie wollen auch Orte der Begegnung sein. Zur besseren Vernetzung ihrer Arbeit haben sie sich 1994 zur Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg  zusammengeschlossen. Diese wird aufgrund eines Landtagsbeschlusses von der Landeszentrale für politische Bildung betreut. Die Förderung soll die wissenschaftliche Grundlage und ein zeitgemäßes pädagogisches Angebot der Gedenkstätten sicherstellen.

Ortsbezogen entwickelten sich in den letzten Jahren neue Formen des Gedenkens, die sich vor allem dem namentlichen Erinnern widmen: Gedenkbücher, in denen junge und alte Bürger die Namen und Biographien der Deportierten und Ermordeten zusammentragen und so in das kollektive Gedächtnis aufnehmen. Ähnliches leisten auch die „Stolpersteine“, die von Einzelnen und Bürgerinitiativen im Pflaster vor den Lebensorten von NS-Opfern angebracht werden. Sie sind tatsächlich „anstößige“ Mahnmale – in jeder Hinsicht.

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Widerstand im Südwesten

Glücklicherweise sind es aber nicht nur Orte des Schreckens, auf die verwiesen werden muss. Einige der auch deutschlandweit bekanntesten Widerstandskämpfer stammen aus dem Südwesten: Johann Georg Elser (Königsbronn), die Geschwister Hans und Sophie Scholl (Ingersheim bei Crailsheim, Forchtenberg und Ulm) sowie die Stauffenberg-Brüder Claus und Berthold (Stuttgart und Albstadt-Lautlingen).


An ihren Herkunfts- und Lebensorten sind Gedenk- und Erinnerungsstätten eingerichtet, die an das mutige Handeln im Widerstand erinnern. An diesen Persönlichkeiten kann sich eine auf die Entwicklung von Zivilcourage ausgerichtete Pädagogik im Rahmen der historisch-politischen Bildung orientieren.

Weitere namhafte Widerstandskämpfer aus dem Südwesten sind zu nennen: Der ehemalige württembergische Staatspräsident Eugen Bolz wurde im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, weil er in die Pläne der Verschwörer des 20. Juli 1944 eingeweiht war. Gertrud Luckner aus Freiburg verhalf als „Judenretterin“ zahlreichen Verfolgten zur Flucht. Nachdem im März 1943 ihre mutigen und selbstlosen Aktivitäten von der Gestapo aufgedeckt wurden, wurde sie in das KZ Ravensbrück verschleppt.

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Die Bedeutung der Gedenkstätten

Vielfach wurde die Meinung vertreten, mit dem Ab-leben der Überlebenden und der unmittelbaren Zeitzeugen würde die Bedeutung der Gedenk- und Erinnerungsstätten an die NS-Zeit abnehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Über 200.000 vorwiegend junge Menschen besuchen pro Jahr die Orte. Sie interessiert die Frage: „Was ist hier, unmittelbar im Land, geschehen?“

Vor allem aber suchen sie Antworten auf das, was sie neben den Fakten beschäftigt: „Wie konnte es dazu kommen? Welche Mechanismen haben in der Gesellschaft versagt, damit Mitmenschen für rechtsfrei und ihr Leben als verfügbar erklärt werden konnte? Welche Anzeichen und Entwicklungen sind besonders gefährlich?“ Diese Fragestellungen der jungen Menschen gehen über eine bloße Chronologie der zwölf Jahre NS-Herrschaft hinaus. Sie reichen in das 19. Jahrhundert zurück und bis in unsere Gegenwart herein. Denn die Botschaft der Opfer der NS-Herrschaft geht über ihr physisches und psychisches Leiden hinaus. Man kann nicht darüber sprechen, ohne auch an die Gegenwart und unsere Zukunft zu denken.

Es genügt nicht, Betroffenheit über die Untaten damals zu erzeugen, sondern vor allem Wachsamkeit in der Gegenwart. Daher finden sich unter den Gedenkstätten in Baden-Württemberg auch solche, die an die großen demokratischen Traditionen im Südwesten erinnern: die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg ebenso wie die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart, die Erinnerungsstätte für Matthias Erzberger in Buttenhausen oder die Erinnerungsstätte an die deutschen Freiheitsbewegungen in Rastatt.

Die Arbeit der Gedenkstätten erhält damit eine ebenso zivilgesellschaftliche wie europäische Dimension. Sie beschäftigen sich mit den zentralen Fragestellungen der Verfassung einer Gesellschaft und der politischen Machtausübung: mit dem Verhältnis von Freiheit und Zwang sowie mit den Gefährdungen der Demokratie und den Mechanismen einer Diktatur. Sie  unterstreichen die Bedrohungen von Gerechtigkeit und Menschenrechten durch Totalitarismus, Rassismus und Antisemitismus. Der Gewalt stellen sie die Achtung vor dem einzelnen Menschen gegenüber, dem Extremismus die Vernunft und demokratische Grundüberzeugungen.

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