Landeskunde Baden-Württemberg

 

Das Kaiserreich

Der Südwesten und die Deutsche Frage

Dr. Daniel Kirn

In den 1860er Jahren kam es in den südwestdeutschen Staaten wie in Deutschland zu großen politischen Umbrüchen, an deren Ende Baden und Württemberg ihre Souveränität verloren hatten und dem neu gegründeten und vereinigten Deutschland beigetreten waren.

Die Bevölkerung wie auch die Regierungen in Bayern, Baden und Württemberg sahen das Erstarken Preußens mit Skepsis und Argwohn. Zug um Zug sicherte sich Otto von Bismarck durch seine kluge und umsichtige Politik mehrere kleinere Territorien und inkorporierte diese Preußen. Der große Gegenspieler Preußens war bereits seit dem 18. Jahrhundert Österreich, das sich in seiner imperialen Macht durch Preußen herausgefordert fühlte. Man hat diese Rollenverteilung mit dem treffenden Begriff des deutschen Dualismus umschrieben. An einem aber änderte sich nichts: Im Laufe von rund 200 Jahren verlor Österreich kontinuierlich an Boden, während Preußens Bedeutung stetig wuchs.

Einleitung

Innerhalb der süddeutschen Länder bildeten sich zwei politische Lager. Die einen befürworteten ein vereinigtes Deutschland nur, wenn es auch Österreich umfasst, die anderen strebten eine Lösung ohne dieses an. Württemberg und Baden standen seit jeher in ständigem Austausch mit Österreich und tendierten in ihrer Politik meist zum zweiten Lager. Beide Staaten versuchten, sich zwischen den beiden Machtblöcken zu positionieren und so ihre Eigenständigkeit zu erhalten. Der Versuch, einen starken süddeutschen Bund aus Bayern, Württemberg und Baden zu schaffen und so ein Gegengewicht zum preußisch dominierten Norden Deutschlands zu bilden, schlug fehl. Das „Dritte Deutschland“ erreichte nie die politisch-institutionelle Ebene.

1866 wurde zu einem Entscheidungsjahr: Der preußisch-österreichische Konflikt wurde nun mit militärischer Gewalt ausgetragen. Die süddeutschen Staaten mussten sich entscheiden, ob sie an der österreichischen oder an der preußischen Seite kämpfen wollten. Die Fraktion der Großdeutschen setzte sich noch einmal durch, Baden und Württemberg entschieden sich für Österreich. In diesem deutsch-deutschen (oder preußisch-österreichischen) Krieg erlitt Österreich im böhmischen Königgrätz eine vernichtende Niederlage, die württembergischen Truppen unterlagen im Gefecht bei Tauberbischofsheim den anrückenden preußischen Soldaten. In der folgenden politischen Aufarbeitung mussten die vier deutschen Staaten Baden, Bayern, Hessen-Darmstadt und Württemberg ein mit dem neu gegründeten preußisch geprägten Norddeutschen Bund zunächst geheimes gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis abschließen. Für den Fall eines Angriffs auf einen der beteiligten Staaten waren alle anderen zur unbedingten Hilfeleistung, auch der militärischen, verpflichtet.

Die Stimmung innerhalb der süddeutschen Bevölkerung war schlecht, hatte der Krieg doch gezeigt, dass man militärisch und wirtschaftlich mit Preußen nicht konkurrieren konnte. In Württemberg zog sich König Karl, der anfangs durchaus eigene Reformprojekte begonnen hatte, schrittweise aus der Politik zurück und überließ es seinen Ministerpräsidenten Friedrich von Varnbühler und Hermann von Mittnacht, das Land bis zu seinem Tode 1891 zu regieren. Diese setzten einen Reformkurs in Gang. Die Armee wurde nach dem Vorbild der preußischen umgestaltet, effektivere Verwaltungsformen eingeführt und die Wirtschaft, z. B. durch die Einrichtung einer Börse, weiter gefördert. Auch in Baden gab es Reformen, doch alle diese Entwicklungen wurden von zwei anderen Ereignissen überschattet: durch die Auswanderung und durch den Kulturkampf.

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Auswanderung

Schon seit den 1780er Jahren kam es immer wieder zu großen Auswanderungswellen, so auch 1816 infolge einer Hungersnot und Vorstellungen innerhalb des Pietismus, die propagierte, die Wiederkunft Christi stünde unmittelbar bevor. Auch in den 1830er Jahren intensivierte sich die Auswanderung nach Amerika und fand ihren ersten Höhepunkt nach dem Hunger- und Revolutionsjahr 1848. Nachdem die wirtschaftliche Lage weiterhin desaströs war, erreichte die Auswanderung um 1854 ihren absoluten Höhepunkt, um in der Folge – insbesondere durch die wirtschaftliche Erholung infolge der Reichsgründung 1871 – nachzulassen und schließlich zu versanden. Insbesondere die Einwohner mit einem kleinen Vermögen, Handwerker, Kleinunternehmer und alleinstehende, arbeitsfähige junge Männer wanderten nach Nordamerika aus, um dort ein besseres Leben zu finden. Eine Hoffnung, die in den meisten Fällen trog.

Einkommensschwache konnten mit staatlicher Unterstützung bei den Kosten der Auswanderung rechnen, so wurde auf Seiten der Städte und Gemeinden versucht, die dauernden Sozialausgaben zu senken. Rund 20 Prozent der Einwohner Süddeutschlands nahmen die Strapazen einer Auswanderung auf sich, viele freilich zogen lediglich in die anderen deutschen Staaten, die zum Ausland gezählt wurden. Nicht jeder fand in der Neuen Welt sein Auskommen, nicht wenige kehrten desillusioniert und nun völlig verarmt in die alte Heimat zurück. Die Auswanderung betraf durch zerrissene Familienbande, durch den berühmten „reichen Onkel aus Amerika“ oder durch eigene Erlebnisse einen Großteil der deutschen Bevölkerung, im Süden waren vor allem Altwürttemberg und Baden betroffen.

Auswanderung aus Südwestdeutschland

Das Landesarchiv Baden-Württemberg stellt mit der Dokumentation "Auswanderer aus Südwestdeutschland" eine enorme Datenbank mit Quellen, Briefen und Reiseberichten der südwestdeutschen Auswanderungsgeschichte zur Verfügung.

Auswanderer aus Südwestdeutschland

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Kulturkampf in Baden

Der Kultur- oder Kirchenkampf war dagegen ein fast ausschließlich badisches Phänomen. Grundproblem des Streits war die Frage, wie die Rolle des Staates und der Kirchen klar zu definieren und festzulegen sei. Die mächtigen Liberalen empfanden die Vorrechte der Kirche als überkommen. Hinzu trat das strukturelle Problem, dass in Baden fast zwei Drittel aller Einwohner katholisch waren, eher auf dem Land lebten und im Verhältnis einkommensschwach war, während Politik, Wirtschaft und Verwaltung von den im Verhältnis wenigen, aber sehr einflussreichen Protestanten von Karlsruhe aus bestimmt wurden. Insbesondere die konfessionelle Schule wollte der badische Staat abschaffen, denn die Schüler wurden nach dem Lehrplan der Kirche und streng nach Konfessionen in jeweils getrennten Bekenntnisschulen unterrichtet. Auch die Zivilehe war umstritten, Eheschließungen konnten nur kirchlich legitimiert werden, Scheidungen gab es zumindest offiziell nicht. Aber auch in klassische Bereiche der Kirche, wie der Priesterausbildung, wollte der Staat regulierend eingreifen. Diese Maßnahmen waren auch bei den Protestanten umstritten, auch sie lehnten z. B. die Zivilehe ab.

Vergleichbare Auseinandersetzungen gab es allerdings im Protestantismus nicht, der Großherzog war noch immer höchster Bischof der badischen Landeskirche, die ohnehin Jahrzehnte der Spaltung zwischen Reformierten, Lutherischen und einer zeitweilig unierten Bewegung hinter sich hatte und dementsprechend konfliktscheu war. Den badischen Katholiken wurde unterstellt, sie seien von Rom gesteuert, orientierten sich nur am Papst, der „über den Bergen“ („ultra montes“) residiere, die Katholiken seien also ultramontan und staatskritisch bis staatsfeindlich eingestellt. Es konnte nur eine Lösung geben: Die gegenseitigen Rechte und Pflichten mussten zwischen Staat und Kirche ausgehandelt und schriftlich fixiert werden. Dazu wurde ein Konkordat, ein Staatsvertrag zwischen dem badischen Staat und der katholischen Kirche aufgesetzt, demzufolge die Schulaufsicht an den Staat fiel, die Kirche sich auf seelsorgerische Belange konzentrierte, sich nicht an der politischen Diskussion beteiligte und im Gegensatz dafür vom Staat dauerhaft entschädigt würde und in den klassischen Bereichen der Seelsorge, der inneren Finanzverwaltung und beim Personal weiterhin souverän agieren könne. Zwar scheiterte die Ratifizierung des Konkordats, doch in der Folge wurden wesentliche Bestimmungen übernommen, so dass sich die Lage im Allgemeinen beruhigte.

Anders in Preußen: Dort nahm der Kulturkampf Mitte der 1870er Jahre groteske Züge an. Katholiken wurden nicht mehr in den Staatsdienst übernommen und gesetzlich benachteiligt, Pfarrer wurden angeklagt, inhaftiert und saßen teils über Jahre im Gefängnis. Das Übergehen der katholischen Interessen führten zur Mobilisierung der Katholiken, nicht zufällig gründete sich in dieser Zeit in Preußen und auch in Baden die politische Partei „Zentrum“, die gegen den Kulturkampf anging und die katholischen Interessen öffentlich artikulierte.

In Württemberg dagegen fand der Kulturkampf durch die umsichtige Politik König Karls I. und des Rottenburger Bischofs Karl Josef Hefele nicht statt. Beide unterdrückten jede Form des Radikalismus. König Karl setzte, obwohl er Protestant war, Minderheitenrechte für die Katholiken durch, so dass sich der politische Katholizismus als politisch einflussreiche, organisierte Partei erst nach dem Tode Hefeles 1893 bilden konnte, als der Kulturkampfkonflikt auch in Preußen bereits sein Ende gefunden hatte.

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Deutschland wird Nation

1870 entbrannte zwischen Preußen und Frankreich ein Streit um die Besetzung des spanischen Thrones. Beide Herrscherhäuser stellten Ansprüche, den vakanten Thron zu besetzen. Frankreich versuchte mit allen Mitteln, einen Preußen auf Spaniens Thron zu verhindern, um nicht geographisch von diesem eingeschlossen zu sein. Preußen versuchte nur vordergründig den spanischen Thron mit einem Hohenzollern zu besetzen. Insgeheim hoffte Otto von Bismarck, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärte, der süddeutsche Bund an der Seite Preußens in den Krieg eintreten würde und schließlich die Bildung eines vereinigten Deutschland unter Federführung Preußens Wirklichkeit werden würde.

Die berühmte Emser Depesche, eine Protestnote Frankreichs, die im Wortlaut verändert und verschärft wurde, lieferte schließlich den Anlass. Frankreich erklärte den Krieg, Baden und Württemberg mussten trotz ihrer Bedenken – auch gegen große Teile der Bevölkerung, die eher österreichisch gesinnt bzw. weiterhin für souveräne Mittelstaaten eintraten – Frankreich den Krieg erklären. Militärisch war die erste Phase des Deutsch-Französischen Krieges rasch abgeschlossen. Schon am 2. September 1870 kapitulierten die Franzosen bei Sedan, der Enkel Napoleons, Napoleon III. wurde auf dem Schlachtfeld gefangengenommen und abgesetzt.

Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. Truppen und Bürger in Paris wollten sich mit der militärischen Niederlage nicht abfinden und stellten eigene Truppenkontingente auf, die den Krieg bis Anfang 1871 verlängerten, aber an der grundlegenden Entscheidung nichts änderten. Die Kriegsstrategie Deutschlands unter Helmuth von Moltke dem Älteren, der Einsatz modernster Waffentechnik, vor allem aber der schnelle Nachschub und die Verlegung der Truppen über die neu gebauten Eisenbahnlinien führten zum raschen Erfolg. Im Spiegelsaal von Versailles wurde die Gründung des Deutschen Reiches verkündet. Deutschland war mit dieser Proklamation und der Einsetzung des preußischen Königs Wilhelm als Deutschem Kaiser zum Nationalstaat geworden.

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Politik, Wirtschaft, Gesellschaft

Nach 1871 kam es zu einem lang anhaltenden und stetigen Wirtschaftsaufschwung. Zum einen waren die letzten Zollgrenzen und andere, den Handel beschränkende Hemmnisse, z. B. unterschiedliche Normen zwischen Nord- und Süddeutschland, gefallen und damit ein einheitlicher Binnenmarkt entstanden. Zum anderen wurden von Frankreich hohe Summen an Reparationen bezahlt, die Ende der 1870er Jahre zunächst die Wirtschaft stabilisierten, langfristig aber zu einer ganzen Anzahl kurzfristig platzender Aktien- und Immobilienblasen führte, die als „Gründerkrach“ bekannt wurden. In diesem Klima des wirtschaftlichen Aufschwungs entwickelte sich eine Technikgläubigkeit: Alles schien machbar. Innerhalb kurzer Zeit wurden wegweisende Entdeckungen auf den Gebieten der Chemie, der Medizin und des Maschinenbaus gemacht.

Das Automobil wurde erfunden und innerhalb kurzer Zeit zu einem marktreifen Produkt entwickelt. Die dritte Phase der Industrialisierung setzte ein, die bis heute die Struktur der deutschen Wirtschaft bestimmt. Die Kehrseite dieser raschen Entwicklung war die Überforderung des Menschen: Der Historiker Joachim Radkau hat treffend vom „nervösen Zeitalter“ gesprochen, die „Nerven“ waren überspannt, innerhalb weniger Jahre katapultierte man sich mittels neuer technischer Apparate wie Telefon und Telegraphie in die technische Moderne mit all ihren Merkmalen der Überforderung des Einzelnen durch ständige Erreichbarkeit (Telefon und Telegraphie), Unterbrechung des Wechsels von Tag und Nacht durch die neu eingeführte Straßenbeleuchtung und durch Massenkommunikationsmitteln wie Bildpostkarten und Zeitungen.

Das Parteiensystem Württembergs und Badens

In die Zeit des Kaiserreichs fällt auch die Vollendung des deutschen Parteiensystems: Die Liberalen waren in der Demokratischen Volkspartei und den Deutschnationalen Parteien organisiert, die Sozialdemokratie entwickelte sich rasch aus der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, und das Zentrum einte die Katholiken. Insbesondere der Sozialdemokratie gelang es, rasch große Wählerkreise zu gewinnen und bei den Wahlen überdurchschnittlich gut abzuschneiden. Doch da die SPD noch klassenkämpferische Töne anschlug und die Monarchien abschaffen wollte, geriet die Partei recht bald in Konflikt mit den Regierungen. Insbesondere Preußen unter Otto von Bismarck stemmte sich gegen das Wachsen der Sozialdemokratie. 1878 wurden die Sozialistengesetze erlassen, die Partei verboten und ihre Anhänger überwacht. Erst 1890 wurden diese Gesetze wieder aufgehoben. Aber die Sozialdemokratie war durch diese Konflikte nicht geschwächt worden, sondern eilte nun von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.

In Baden und Württemberg bestand auch in der Zeit des Kaiserreichs ein äußerst liberales Umfeld. Zwar mussten Großherzogtum und Königreich auf Druck Preußens die SPD verbieten, doch gewährte insbesondere Württemberg einen hohen Grad an Pressefreiheit. So siedelten sich in Stuttgart zahlreiche Zeitungsverlage aus dem linken Spektrum an, wovon die ganze Stadt – ohnehin eine Hochburg des Druck- und Verlagssektors – profitierte. Selbst Lenin und Clara Zetkin lebten zeitweilig in Stuttgart und wurden akzeptiert, selbst der König soll die „Tagwacht“, das sozialdemokratische Organ Württembergs, gelesen haben. Und 1907 tagte der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart – zum ersten Mal in einer deutschen Stadt. In Baden war die politische Auseinandersetzung noch mehr durch scharfe Diskussionen geprägt. Grundsätzlich unterschied sich der Umgang der badischen Regierung mit der SPD kaum von dem Württembergs.

Politische Kultur, Parteiensystem und Wählertraditionen im deutschen Südwesten

Beitrag (pdf) über die Entstehung der Parteien im 19. Jahrhundert zu den derzeit im Landtag vertretenen politischen Kräften.
Schriften zur politischen Landeskunde, Band 34: Baden-Württemberg - Gesellschaft, Geschichte, Politik. Autor: Dr. Reinhold Weber

Mehr zu den Baden-Württembergischen Parteien: hier

Die berühmte Emser Depesche, eine Protestnote Frankreichs, die im Wortlaut verändert und verschärft wurde, lieferte schließlich den Anlass. Frankreich erklärte den Krieg, Baden und Württemberg mussten trotz ihrer Bedenken – auch gegen große Teile der Bevölkerung, die eher österreichisch gesinnt bzw. weiterhin für souveräne Mittelstaaten eintraten – Frankreich den Krieg erklären. Militärisch war die erste Phase des Deutsch-Französischen Krieges rasch abgeschlossen. Schon am 2. September 1870 kapitulierten die Franzosen bei Sedan, der Enkel Napoleons, Napoleon III. wurde auf dem Schlachtfeld gefangengenommen und abgesetzt.

Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. Truppen und Bürger in Paris wollten sich mit der militärischen Niederlage nicht abfinden und stellten eigene Truppenkontingente auf, die den Krieg bis Anfang 1871 verlängerten, aber an der grundlegenden Entscheidung nichts änderten. Die Kriegsstrategie Deutschlands unter Helmuth von Moltke dem Älteren, der Einsatz modernster Waffentechnik, vor allem aber der schnelle Nachschub und die Verlegung der Truppen über die neu gebauten Eisenbahnlinien führten zum raschen Erfolg. Im Spiegelsaal von Versailles wurde die Gründung des Deutschen Reiches verkündet. Deutschland war mit dieser Proklamation und der Einsetzung des preußischen Königs Wilhelm als Deutschem Kaiser zum Nationalstaat geworden.

Das Fin de Siècle

Reformen und Verfassungsänderungen dominierten die Zeit um die Jahrhundertwende. In beiden südwestdeutschen Staaten wurde die Rolle der Ersten Kammer zurückgedrängt, die Partizipation der Bürger durch die Einführung der Direktwahl der Kandidaten gestärkt und die Wirtschaftsreformen nach der in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Form weitergeführt.

International nahmen die zwischenstaatlichen Spannungen zu. Nachdem das von Otto von Bismarck praktizierte System, ehemalige verfeindete Staaten in wechselseitigen Bündnissen zusammenzufassen und territoriale Probleme der Großmächte auf diplomatischen Kongressen durch ausgleichende Kompromisse zu lösen, durch den Unwillen der Großmächte zur Kooperation an ein Ende gekommen war, erschütterten verschiedene Konflikte Europa. Die erste und zweite Marokkokrise (auch bekannt als „Panthersprung nach Agadir“) und die stets explosive Lage auf dem Balkan erschwerten langfristige Realpolitik.

Württemberg und Baden konnten in der Zeit des Kaiserreiches keine eigenständige Außenpolitik mehr betreiben. Das Großherzogtum hatte bereits kurz nach der Reichsgründung seine diplomatische Vertretung in Berlin geschlossen, Württemberg unterhielt zwar noch eine Dependance in der preußischen Hauptstadt, aber mit Einfluss verbunden war dies freilich nicht mehr. Das Reich – de facto also der Kaiser und die preußische Regierung – vertraten Deutschland nach außen. Zwar konnte auch König Wilhelm II. durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen und Kontakte der Regierung Meinungen in den ausländischen Staaten einholen, Konsequenzen für die Politik verbanden sich dabei aber nicht.

Carl Benz (1844-1929)

Der bekannte Maschinenbauingenieur Carl Benz (1844-1929) stammt aus Karlsruhe und war einer der großen Pioniere der Automobilindustrie.

Zur Biografie

Bertha Benz (1849 - 1944)

Die Frau hinter der Automobilen Revolution.

Ein Faltblatt der Landeszentrale für politische Bildung (Download)

Robert Bosch (1861 - 1942)

Robert Bosch war Industrieller und Begründer des gleichnamigen Elektrotechnik-Konzerns, der ab 1937 als Robert Bosch GmbH firmierte.

Zur Biografie.

Faltbroschüre der Landeszentrale für politische Bildung (Download).

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Der Erste Weltkrieg

Im Juli 1914 kam es zu einer Krise: Der österreichische Thronfolger war in Sarajevo ermordet worden, Serbien weigerte sich, Österreich freie Hand in seinen innenpolitischen Angelegenheiten einzuräumen, Russland trat als Schutzmacht Serbiens auf und Deutschland schwor Österreich die vielgerühmte Nibelungentreue. Das Ergebnis war der Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914. Die Politik des badischen Großherzogs und des württembergischen Königs unterschieden sich dabei kaum. Zwar beurteilten die beiden Regenten und ihre Regierungen die Erfolgsaussichten recht skeptisch, entscheidenden Einfluss konnten sie aber nicht ausüben. Die Reichsverfassung schrieb vor, dass die Truppen unter einheitlichem preußischem Befehl marschierten. Größere Teile des Kleinbürgertums waren im August in einen Kriegstaumel verfallen, dass aber die ganze Bevölkerung den Krieg begrüßt hätte, lässt sich nicht nachweisen. Schon bei der Mobilisierung der Armee äußerten Arbeiter und Großbürger ihre Ablehnung des Krieges.

Militärisch waren die badischen Truppen schon seit 1871 in die preußische Armee eingegliedert worden. Württemberg hatte zwar mit dem XIII. Armeekorps einige Sonderrechte erhalten, mit der Mobilmachung aber dauerhaft verloren. Der Wunsch nach einem eigenen Armeekorpskommandeur aus dem Hause Württemberg wurde erst 1916 durch die Berufung von Herzog Albrecht von Württemberg Wirklichkeit.

In Baden war mit Kriegsbeginn gefürchtet worden, französische Truppen könnten dort eindringen und Baden damit Kampfplatz werden. Der Stellungskrieg fand aber weiter westlich statt, so dass Kriegszerstörungen in Württemberg und Baden weitgehend ausblieben. Allerdings traf die badische Hauptstadt der schwerste Bombenangriff des Ersten Weltkrieges, als durch den Treffer in ein Wohnhaus mehrere Menschen, vornehmlich Freuen und Kinder, zu Tode kamen. Auch in Freiburg waren bei Luftangriffen mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen.

Das Ende des Krieges

Die Versorgungslage verschärfte sich mit zunehmender Kriegsdauer. Spätestens ab 1916 war der Mangel allgemein spürbar. Die ländlichen Regionen konnten sich noch selbst versorgen, doch insbesondere in den Städten hungerten die Menschen. Der berühmte Steckrübenwinter 1917 schwächte die Menschen zusätzlich, Hamsterkäufe und das Tauschen von Nahrungsmitteln bei Bauern gegen Wertgegenstände half nun auch nicht mehr. Weil Brennstoffe wie Kohle, Holz, von Kraftstoffen ganz zu schweigen, äußerst knapp waren, lief man Gefahr zu erfrieren.

Die Jahreswende 1917/18 brachte keine Besserung. Der Stellungskrieg in Frankreich war nicht mehr zu gewinnen. Die Chance, mit den Alliierten einen Verhandlungsfrieden zu erreichen, war nach vielversprechenden Versuchen 1916/17 praktisch auf Null gesunken. Der U-Boot-Krieg, der seit 1917 „uneingeschränkt“ geführt wurde und sich gegen alles richtete, was schwamm, zeigte keine Erfolge, sondern hatte nur zum Kriegseintritt der USA geführt. Nur im Osten sah es aus deutscher Sicht besser aus: Das Zarenreich hatte kapituliert und im Frieden von Brest-Litowsk Waffenstillstand und Gebietsabtretungen zugestanden. Russland widmete sich nun seinen innenpolitischen Problemen infolge der Oktoberrevolution. Durch das Ausscheiden Russlands war der Zweifrontenkrieg endlich aufgelöst worden. Langfristig hatte Deutschland aber den verstärkt agierenden Amerikanern in Anzahl der Soldaten und dem nach Europa verschifften Kriegsmaterial nichts entgegenzusetzen.

Ebenso wie schon in Russland im Jahr zuvor nahm nun auch im ausgehungerten Deutschland die Kriegsmüdigkeit zu. Immer wieder kam es zu Streiks und Meutereien. Es regte sich auch immer größerer innenpolitischer Widerstand. Um die Ehre der Armee zu retten, schoben die Generäle die Verantwortung zuletzt den Politikern zu und überließen es ihnen, um Frieden nachzusuchen. Dem Kaiser legten sie den Heldentod oder die Abdankung nahe. Doch Wilhelm II. floh nach Holland ins Exil.

Kaiser Wilhelms Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete am 9. November 1918 das Ende der Monarchie und ernannte den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum neuen Reichskanzler. Zwei Tage später, am 11. November 1918, unterzeichnete die neue deutsche Regierung, vertreten durch Staatssekretär Matthias Erzberger, im Wald von Compiègne (nördlich von Paris) einen Waffenstillstand. Dieser Vertrag kam einer bedingungslosen Kapitulation gleich, d. h., das Deutsche Reich erkannte seine Niederlage an und ergab sich, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen.

Ebenfalls am 9. November 1918 hatten sich die Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) auf die Bildung eines „entscheidenden Kabinetts“ geeinigt, das die Regierungsgeschäfte bis zum Zusammentritt einer noch zu wählenden Nationalversammlung führen sollte. Der Rat der Volksbeauftragten war ein sechsköpfiges paritätisch besetztes Kabinett, bestehend aus USPD- und MSPD-Politikern unter der Führung des Reichskanzlers Friedrich Eberts (MSPD) und Hugo Haases (USPD). Weitere Mitglieder waren Philipp Scheidemann und Otto Landsberg von der MSPD, sowie Emil Barth und Wilhelm Dittmann von der USPD.

Einen Tag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Compiègne am 11. November 1918 durch Matthias Erzberger und Ferdinand Foch (Kriegsende 1. Weltkrieg) wurde der Rat der Volksbeauftragten in Berlin mit dem Aufruf "An das deutsche Volk" am 12. November 1918 gesetzgeberisch tätig.

Dieser Aufruf bedeutete einen erheblichen Schritt in Richtung einer neuen, demokratischen Gesellschaftsordnung. Im zweiten Teil des Aufrufs verkündete das "mit Gesetzeskraft" von da an geltende Recht. Wichtige Punkte waren z.B. die Meinungsfreiheit (Punkt vier) und die Religionsfreiheit (Punkt fünf).
Am Ende der Erklärung stand die Ankündigung eines neuen Wahlrechts, erstmals auch für Frauen (Frauenwahlrecht):
Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen".

Im Januar 1919 war es erstmals so weit: Bei den ersten demokratischen Wahlen können Frauen und Männer wählen und gewählt werden – am 5. Januar 1919 zur Badischen Nationalversammlung, am 12. Januar 1919 zur Nationalversammlung in Württemberg und schließlich am 19. Januar 1919 zur Deutschen Nationalversammlung.

Wegen der Unruhen und Strassenkämpfe trat die verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung nicht in der Hauptstadt Berlin sondern in Weimar zusammen. Daher nennt man den damals entstandenen Staat „Weimarer Republik".

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"Vater des Giftgaskriegs"?

Mit der Entdeckung des Forschers Fritz Haber ließen sich neben Kunstdünger auch tödliche Waffen herstellen

Von  Stefan Jehle

 "Im Frieden für die Menschheit, im Kriege fürs Vaterland". Das war ein wichtiger Leitspruch für den Forscher Fritz Haber, dem an der Technischen Hochschule Karlsruhe (dem heutigen KIT - Karlsruher Institut für Technologie) im Jahr 1909 der Durchbruch gelang bei der Ammoniaksynthese, für die er später den Nobelpreis bekommen sollte. Mit den gelegten Grundlagen wurde Haber nach 1914 jedoch auch "Vater des Giftgaskrieges". Dem weltweit ersten Giftgasangriff bei Ypern folgte ein Ehedrama im Hause Haber.

An der Westfront in Flandern - die Kleinstadt Ypern liegt etwa auf halber Strecke zwischen dem belgischen Brügge und dem nordfranzösischen Lille, nicht arg weit entfernt von der Atlantikküste - plante das Dritte Armeekorps der Deutschen im Ersten Weltkrieg schon seit Jahreswechsel 1914/1915 den Einsatz von Giftgas. Der erste Einsatz eines Chlorgasgemisches erfolgte dann am 22.April 1915. Die Deutschen setzten damit als erste Nation weltweit Giftgas als moderne Massenvernichtungswaffe ein. Tausende von Gasflaschen waren zuvor in Stellungen bei Ypern eingegraben worden. Eine gelbliche Wolke schwebte in gegnerische Linien.

Dem todbringenden Gemisch, dessen Einsatz vor Ort der seit Herbst 1914 im Kriegseinsatz befindliche Professor für physikalische Chemie und Elektrochemie, Fritz Haber leitete, fielen Tausende französische Kolonialsoldaten wie Senegalesen und Marokkaner zum Opfer. Kanadier waren mutmaßlich in den vorderen Linien. Die Franzosen selbst waren in dem monatelang anhaltenden Stellungskrieg nicht an der Front. Der Angriff, für den wochenlang auf die ideale Windrichtung gewartet werden musste, erfolgte mit 6.000 Gasflaschen und riss die Front auf einer Breite von sechs Kilometern auf. Fritz Haber hatte sich ganz "in den Dienst des Vaterlands" gestellt, und geglaubt, den Verlauf des Weltkriegs entscheidend beeinflussen zu können. 

Nach dem zum "Erfolg" hochgejubelten Einsatz bei Ypern wurde Haber zum Hauptmann befördert - was ihm als konvertierter Jude, der 1893 zum christlichen Glauben wechselte, in der herrschenden antisemitischen Stimmung zuvor lange verwehrt blieb. Tageszeitungen des Reiches schrieben Tage später zynisch von "deutschen Dämpfen" bei Ypern - diese könnten allenfalls "geschwollene Schleimhäute" auslösen. Tatsächlich führten sie bei mehreren Angriffswellen an der belgischen Westfront bei bis zu 20.000 Soldaten zum Tod - ausgelöst durch Erstickung und Lungenödeme. Später wurde an der Front bei Ypern auch Phosgen und Senfgas eingesetzt.

Im Hause Haber entwickelte sich daraus wenige Tage später - nach dem weltweit ersten Giftgaseinsatz am 22. April 1915 - ein Ehedrama. Der 1868 in Breslau geborene Fritz Haber, seit 1894 als Assistent an der TH Karlsruhe tätig, und 1906 dort zum ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für physikalische Chemie berufen, hatte im Januar 1901 die, ebenfalls promovierte, Breslauer Chemikerin Clara Immerwahr geheiratet. Die zwei Jahre jüngere Clara - die zum Jahrhundertwechsel die erste Frau in Deutschland mit einem Doktortitel in einem physikalisch-chemischen Fachgebiet gewesen war - steckte mit Geburt des Sohnes Hermann im Jahr 1902 in vielen Dingen zurück, und blieb selbst nicht (mehr) berufstätig. Die Familie lebte in Karlsruhe lange in der dortigen Moltkestraße, später in der benachbarten Weberstraße. 

 

Clara Haber, geborene Immerwahr, galt als wahrheitsliebend und geradlinig: sie wollte Sachen ausdiskutieren, und fühlte sich als bloßes "Anhängsel" eines ehrgeizigen, vor allem seinem Beruf verschriebenen Wissenschaftler, offenbar zusehends unwohl in ihrer Rolle. Sie entsagte herrschenden Modetrends, erschien bei Empfängen im Haus in der Karlsruher Weststadt zuweilen in der Kochschürze - bewirtete Gäste freilich vorzüglich. Die Spannungen mit dem allein auf die Forschung fixierten Gatten stiegen.

Fritz Haber wurde Ende 1911 zum Direktor des neuen Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) in Berlin-Dahlem berufen, das 1912 seinen Betrieb aufnahm. In dem Institut, seit 1953 zu "Fritz-Haber-Institut" umbenannt, versammelten sich zahlreiche Wissenschaftler. 1914 wurde Haber zum Berater des Kriegsministeriums, der Etat des Instituts ging abrupt nach oben. Das mit der Ammoniaksynthese entwickelte "Haber-Bosch-Verfahren" diente zunächst zur Herstellung von Salpetersäure, ein wichtiger Bestandteil von Munitionssprengstoff. Haber wurde mit Ausbruch des Krieges auch zum Leiter der "Chemischen Abteilung" ernannt - in Dahlem und auf einem Schießplatz bei Köln-Wahn wurden erste Versuche gemacht mit Gasgemischen. Am 17.Dezember 1914 kam dabei im Gasraum des Instituts in Dahlem ein enger Mitarbeiter ums Leben.

Haber führte auch Tierversuche durch: mit Mäusen, später mit Hunden, Katzen und Affen, an denen - wie später bei Soldaten an der Front - immer dieselben Symptome auftraten. Lungenödeme, inneres Verbluten - oder "innerliches Ertrinken", ein alles in allem qualvoller Tod. Erst mit zwei neuen Biographien in den 1990-er Jahren: Gerit von Leitner ("Der Fall Clara Immerwahr", München 1994) und Margit Szöllösi-Janze ("Fritz Haber 1868-1934", München 1998), wurden erstmals Details zur Rolle von Clara Haber, geborene Immerwahr, aufgearbeitet. 

Clara hatte zu Kriegsbeginn engen Freunden von Gewissenskonflikten berichtet. Ihr Zorn richtete sich zunächst gegen die Tierversuche. Fritz wollte von ihren Einwänden, der Kritik "an der Perversion der Wissenschaft" - hin zur Massenvernichtung, nichts wissen. Clara hielt sich wenig an die ihr auferlegte "Geheimhaltungspflicht". Fritz warf ihr vor, nur "aus idealistischen Motiven" gegen den Krieg wirken zu wollen. Er verwehrte ihr zusehends den Zugang "zu seiner Welt", warf ihr seinerseits vor "sie stehe außerhalb der Realität". 

Die Männer von Habers so genannter Truppe "meteorologischer Frontbeobachter" interessierte nur Technik und Taktik, wie sie an der Frontlinie die mit Gas befüllten Stahlflaschen geräuschlos transportieren - und in Schützengräben sicher vor feindlichem Beschuss würden einbauen können. "Nachdenken behindert das patriotische Geschäft", wurde Clara von einem Adjutanten Habers beschieden.

Am 1. Mai 1915 kulminierte die Situation des Ehepaars. Der nach dem Giftgaseinsatz von Ypern zum Hauptmann beförderte Fritz Haber feierte mit Gästen in der Dahlemer Villa seine Ernennung zum Offizier - auf die er noch zu regulärer Militärzeit 1889/90, damals noch von Religion Jude, vergeblich gewartet hatte. Als das Haus leer war, schrieb Clara über Stunden in mehreren Abschiedsbriefen auf, was sie der Nachwelt übermitteln wollte. An der Garderobe des Hauses hing die Dienstwaffe des Mannes Fritz Haber. Mit dieser schoss sie sich im Morgengrauen des 2.Mai 1915 ins Herz - und war nur wenige Stunden später tot. Das Hauspersonal hatte die Abschiedsbriefe gesehen. Sie waren verschwunden - vermutlich bewusst vernichtet, zwei der Biographinnen von Clara Haber, geborene Immerwahr, wiesen nach, dass versucht wurde, wesentliche Fakten "jahrzehntelang zu vertuschen".

Die Grunewald-Zeitung berichtete: "Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrats Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt". Hauptmann Haber war noch am 2.Mai, dem Tag des Todes seiner Frau, an die Ostfront, nach "Galizien" - dem heutigen Südostpolen, abgereist. Er hatte sich nur einmal kurz schriftlich am 12.Juni zum Tod seiner Frau geäußert. Der Brief, gerichtet an einen Chemieprofessor, wurde angeblich aus einer Mülltonne in Karlsruhe gezogen. "Beklemmend soldatisch begegnete er dem Freitod seiner Frau", urteilte später einer seiner Biographen. 

Haber wurde 1919 vom norwegischen Nobelkomitee für das Modell der Ammoniaksynthese mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Neben der Herstellung von Salpetersäure wurde damit - in Friedenszeiten - auch die Produktion von Stickstoffdünger möglich. Die Verleihung des Nobelpreises fand im Juni 1920 statt. Zuvor hatte Haber noch gefürchtet, als Kriegsverbrecher verhaftet zu werden und war zeitweilig auf der Flucht. Der Nobelpreis wirkte, nach außen hin, wie eine Art Rehabilitation. 1933 musste er - als Jude von Herkunft - von seinem Posten als Institutsleiter in Dahlem zurücktreten und bereitete die Emigration vor. Doch überraschend verstarb er am 29. Januar 1934 bei einer Durchreise im schweizerischen Basel - an einem Lungenödem. 

Für Peter Exner, Historiker am Generallandesarchiv Karlsruhe ist die Art des Todes eine "Ironie" der Geschichte: auch die Giftgasopfer waren daran gestorben. Exner hatte das Drama des Ehepaars Anfang 2014 für die grenzüberschreitende deutsch-französische Ausstellung "Menschen im Krieg 1914-1918" eigens aufgearbeitet.  

Hintergründe

Kriegsverbrechen

Die Haager Landkriegsordnung von 1899 und 1907, als völkerrechtliche Abmachung über "zivilisierte Kriegsführung", verbot den Einsatz von Gift. In späteren Fassungen wurden auch "überwiegend giftige oder erstickende Geschossfüllungen" geächtet. Danach war und ist der Einsatz von Giftgas ein Kriegs- und Völkerrechtsverbrechen. Findige deutsche Rechtsgutachten, die eigens erstellt wurden im Weltkrieg, glaubten dennoch an die Unbedenklichkeit von Habers kriegstechnischer Erfindung. Beim Einsatz von Gasflaschen, aus denen Gas mit dem Windzug in gegnerische Linien abdriften sollten, sah die deutsche Heeresleitung "kein Vergehen gegen die Haager Verordnung". 

Mörderische Statistik

Insgesamt 90.000 Giftgas-Tote, so wird geschätzt, gab es im Ersten Weltkrieg. Die Zahl der Toten beim ersten Angriff mit modernen Chemiewaffen, am 22.April 1915, lag bei etwa 1.200-1.500, nicht mitgezählt die späteren Toten infolge Langzeitfolgen. Frühere Zahlen, die jahrzehntelang publiziert wurden, sprachen von ca. 5.000 Toten an diesem Tag. Bei sämtlichen Ypern-Schlachten gab es insgesamt cirka 20.000 Giftgastote. Ypern war für die Deutschen während der Zeit des Ersten Weltkrieges "eine Art Gaslabor" - das später dort eingesetzte Senfgas wurde auch zuweilen "Yperit" genannt. Ypern zählt mit 500.000 Toten insgesamt, bei allen Gefechtsarten, zu den grausamsten Schlachtfeldern zwischen 1914 und 1918. In Verdun, westlich von Metz in Elsass-Lothringen, gab es etwa 800.000 Gefallene.

Gedenken Immerwahr

Die Technische Universität Berlin vergab 2012 erstmals einen "Clara Immerwahr Award". Mit dem Award würdigt die Exzellienz-Initiative "UniCat" an der TU auch Frau Dr. Clara Immerwahr, die im Jahr 1900 als erste deutsche Frau in Deutschland mit einer physikalisch-chemischen Arbeit promoviert hat. Darüber hinaus besteht durch ihre Ehe mit Fritz Haber ein direkter Bezug zum Fritz-Haber-Institut, einer Mitgliedsinstitution von "UniCat".  

An der Hochschule in Karlsruhe (dem heutigen KIT) gab es in den vergangenen Jahren mehrfach Versuche, den "Fritz-Haber-Weg" auf dem Campus der Fakultät für Chemie und Biowissenschaften in "Clara-Immerwahr-Straße" umzubenennen. Es gibt Hochschulgruppen in Karlsruhe, die Fritz Haber bis heute als einen Kriegsverbrecher ansehen - und ihn als Beleg dafür heranziehen, dass für die seit 1825 bestehende Hochschule eine Zivilklausel in der Satzung verankert werden, und Militärforschung verboten werden müsse.

Links zu aktuellen und einschlägigen Artikeln

Bei Ypern brachen die Deutschen das Giftgas-Tabu (DIE WELT, 29.08.13). Gas wurde erstmals von deutschen Truppen 1915 an der Westfront eingesetzt. Später fand es in Abessinien, China, Jemen oder dem Irak Verwendung. Hitler war im 1. Weltkrieg selbst Giftgas-Opfer.

http://www.welt.de/geschichte/article119507162/Bei-Ypern-brachen-die-Deutschen-das-Giftgas-Tabu.html

Ypern: Chlorgas, Senfgas und der Erste Weltkrieg. Knappe und gute - Übersicht TU Braunschweig, Fachbereich Geschichte

A World War I Weapon Reappears in Syria - Slate Magazine, Washington/New York

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