Landeskunde Baden-Württemberg

 

Weimarer Republik

Württemberg/Baden: 1918- 1933

Dr. Daniel Kirn

Das Ende des Krieges, Revolution und der Friede von Versailles
Der Erste Weltkrieg endete abrupt: Mit der Verkündung des Waffenstillstands am 11. November 1918 hörte der Krieg über Nacht auf. Die Alliierten akzeptierten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Neben den fehlenden Chancen auf einen Sieg oder zumindest erfolgversprechenden Verhandlungen, der Ermüdung und Erschöpfung von Truppen und der Zivilbevölkerung führte vor allem die Meuterei der Marinesoldaten in Kiel und Wilhelmshaven zum Zusammenbruch der deutschen Armee.

Mit der Kapitulation hatte auch das Kaiserreich aufgehört zu existieren. Der Kaiser und die übrigen Regenten wurden innerhalb weniger Tage gezwungen zurückzutreten und eine demokratisch legitimierte parlamentarische Republik zu akzeptieren. In Württemberg versuchte König Wilhelm II. noch durch eine Kabinettsumbildung und Zusicherung einer Parlamentarisierung das Unabwendbare aufzuhalten. Auch der badische Großherzog versuchte in ähnlicher Weise die Monarchie zu retten. Helfen konnten diese Versuche allerdings nicht mehr. Sowohl der württembergische König als auch der badische Großherzog mussten zurücktreten. König Wilhelm II. zog sich in sein Jagdschloss nach Bebenhausen zurück, wo er als hochgeachtete Persönlichkeit Württembergs 1921 starb. Der badische Großherzog dankte ebenfalls im November 1918 ab. Zunächst wohnte er auf Schloss Langenstein bei seinem Verwandten Graf Douglas, siedelte später aber nach Freiburg über. Kurbesuche in Baden-Baden brachten den nunmehrigen Markgrafen immer wieder auch nach Nordbaden. Bestattet wurde er in Karlsruhe.

Neue Verfassungen für Baden und Württemberg

Mit der Abdankung der Regenten waren auch die bisherigen Verwaltungs- und Organisationsstrukturen zusammengebrochen. Spontan bildeten sich sogenannte Arbeiter- und Soldatenräte, die die Kontrolle über die öffentliche Verwaltung übernahmen und für Ruhe und Ordnung sorgten. An der Spitze der bisherigen Ministerien bildete sich in Württemberg die neue Provisorische Regierung unter dem Sozialdemokraten Wilhelm Blos. Revolutionäre Tendenzen zeigten sich in Württemberg kaum, weil zum einen die grundlegende Forderungen der Sozialdemokratie nach Gründung einer Republik bereits erfüllt war, zum anderen weil die württembergischen Sozialdemokraten ohnehin recht konservativ eingestellt und eher bürgerliche Linke als klassenkämpferische Radikale waren. Der Sozialdemokrat Wilhelm Blos verkörperte diesen Kurs und führte die Regierung ähnlich wie in Zeiten des Kaiserreichs.

In Baden bildete sich die vorläufige Landesregierung unter Anton Geiß. Beiden Regierungen war zu eigen, dass sie schnell den Kompromiss zwischen den Parteien suchten. Beide Regierungschefs integrierten innerhalb weniger Tage sogar bürgerliche Minister in ihr Kabinett. Sofort widmeten sich die Regierungen ihrer Hauptaufgabe, der Legitimation der Regierung durch Wahlen und der Ausarbeitung einer neuen Landesverfassung. Bereits im Januar 1919 fanden noch vor den Wahlen auf Reichsebene die Wahlen in Baden und Württemberg statt, die die bisherigen Regierungen bestätigten. Auch die neuen Landesverfassungen wurden rasch in Kraft gesetzt. In Baden wurde dazu nach der Verabschiedung im Parlament eine Volksabstimmung abgehalten, die Verfassung also vom Volk legitimiert. In Württemberg stand die übergroße Mehrheit der Parteien, die Konservativen eingeschlossen, hinter der Gründung des Freien Volksstaats Württemberg.

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Gefahren für die junge Republik

Die Anfangszeit der Republik wurde durch die zahlreichen Probleme überschattet, die sich mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs verbanden: der Aufrechterhaltung der Nahrungsmittelversorgung, dem Aufbau leistungsfähiger demokratischer Strukturen, vor allem aber der Integration der zurückkehrenden Soldaten, die – noch immer ausgerüstet mit ihren Waffen – eine Bedrohung für die neu entstandenen Republiken waren. Die Einheiten mussten demobilisiert und die Soldaten für die Demokratie gewonnen werden. Insbesondere die Offiziere standen der neuen Staatsform ablehnend gegenüber. So versuchten sie in den gescheiterten Putschen (Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920, Hitler-Putsch 1923) eine politische Ordnung unter Berufung auf das Kaiserreich nach ihren Vorstellungen einzurichten. Andererseits schlugen irreguläre Truppen auch in Baden und Württemberg die im Januar und April 1920 ausbrechenden Unruhen nieder. Anhänger radikaler Parteien, des Spartakusbundes und der USPD, beides Abspaltungen der gemäßigten SPD, versuchten die neu gegründete Republik zu stürzen. Mit Hilfe von Freikorps, bestehend aus den demobilisierten Einheiten der kaiserlichen Armee, die sich mit ihren Waffen in den Dienst der Republik stellten, wurden diese Unruhen niedergeschlagen. Die Regierungen wurden bestätigt, die Kabinettsmitglieder der USPD entlassen und so die „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und Linksliberalen gestärkt.

Die württembergische Bevölkerung war politisch einerseits zwischen Zentrum, Konservativen und Liberalen gespalten, andererseits bewahrte man sich freiheitliche Traditionen. Als die Verfassungsgebende Nationalversammlung und die Reichsregierung aufgrund der ständigen Unruhen von Berlin ins verhältnismäßig ruhige Weimar umgezogen war, begann sich infolge des Kapp-Lüttwitz-Putsches auch in der Provinz die Stimmung so zu radikalisieren, dass die Reichsregierung nach Stuttgart floh. Hier garantierte das Armeekorps im Gegensatz zu Weimar die Sicherheit der Reichsregierung. Nach dem Scheitern des Putsches kehrte die Regierung nach Weimar zurück. Württemberg hatte seine liberalen, demokratischen Traditionen einmal mehr unter Beweis gestellt.

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Versailles und die Folgen

Die Freikorps spielten eine kaum zu überschätzende Rolle – sie konnten den Staat stützen oder entmachten. Erst Ende 1920 war die Gefahr eines Bürgerkrieges gebannt, die Freikorpskommandanten arrangierten sich oder gingen auf Distanz zu den neu gegründeten Staaten.

Der Waffenstillstand von Compiègne wurde drei Mal verlängert, während zur selben Zeit die Verhandlungen um einen abschließenden Friedensvertrag begannen. Von großer symbolischer Bedeutung war der Ort der Verhandlungen, der Spiegelsaal von Versailles, in dem 1871 das Deutsche Reich proklamiert worden war. Die Alliierten hatten klare Vorstellungen von der künftigen politischen Ordnung Europas. Insbesondere Frankreich verlangte umfangreiche Garantien, dass Deutschland in Zukunft keinen Krieg mehr gegen Frankreich führen könne. Die von deutscher Seite entsandten Mitglieder konnten kaum gegen die Wünsche der Alliierten ankommen und mussten sich ihren Anordnungen beugen. Grundlegend war die Anerkennung des „Kriegsschuldparagraphen“, der festhielt dass Deutschland die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges trüge, sowie umfangreiche Gebietsabtretungen (so z.B. ganz Ostpreußen, das Elsass und den de-facto-Verlust des Ruhrgebietes) und Leistung finanzieller Wiedergutmachung (Reparationen). Nachdem der Vertrag am 28. Juni 1919 unterzeichnet war, wurde er im Januar 1920 ratifiziert, also anerkannt. Diese Anerkennung des Versailler Vertrages war notwendig, um den Ersten Weltkrieg auch rechtlich zu beenden, langfristig konnte Deutschland hoffen, auf die internationale Bühne zurückzukehren, doch kurzfristig mussten die harten Bedingungen akzeptiert werden.

Die militärische Führung, die durch ihre unnachgiebige Politik 1916/17 eine Verständigung der Kriegsparteien verhindert hatte, setzte nun effizient das Gerücht in Umlauf, die Niederlage sei durch das Zusammenbrechen der Heimatfront, durch Nahrungsmittelknappheit und mangelndes Durchhaltevermögen erst ermöglicht worden. Dem „im Felde unbesiegten Heer“ sei durch die Heimat wie mit einem (hinterhältigen) Dolchstoß in den Rücken die Siegchance genommen worden. Der Versailler Vertrag schmähe das ganze Volk und werde der „Wahrheit“ nicht gerecht. Diese Legende wurde von den konservativen Militärs entwickelt und verbreitet, sehr schnell aber von rechtskonservativen und rechtsradikalen Kreisen aufgenommen. So sollte Hitler später seine Politik zwischen 1933 und 1938 auf die Revision des Versailler Vertrags konzentrieren.

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Rechtsextremismus

In der Folge vergiftete sich auch in Württemberg und Baden die politische Stimmung. Die Konservativen hingen weiterhin der Monarchie an, allen demokratischen Bestrebungen der Politiker begegneten sie mit Argwohn und insbesondere die Angehörigen des Militärs konnten sich mit dem neuen Rahmen nicht abfinden. In ganz Deutschland kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die nicht nur in der Presse ausgetragen wurden. Matthias Erzberger, Leiter der deutschen Waffenstillstandskommission, stammte aus Württemberg und vertrat die Interessen Württembergs im Reichstag, wurde schließlich sogar Reichsfinanzminister der neuen Republik. Sein Eintreten für den Waffenstillstand und den Versailler Vertrag bezahlte er mit dem Leben, als er im August 1921 in Bad Griesbach im Schwarzwald von Mitgliedern der rechtsgerichteten Organisation Consul, einer Vereinigung ehemaliger Freikorpsoffiziere, ermordet wurde. Als „Erfüllungspolitiker“ habe er die Interessen Deutschlands verraten und handle nur im Interesse der Alliierten. Die realpolitischen Möglichkeiten wurden auf konservativer Seite völlig falsch eingeschätzt und trugen zur Destabilisierung des politischen Systems bei. Auch Walter Rathenau bezahlte seine politische Arbeit ein knappes Jahr nach Erzbergers Ermordung mit seinem Leben.

Diese Auseinandersetzungen um das „richtige“ politische System fanden auch in Württemberg und Baden statt, wenn auch in gemäßigteren Formen. Doch eines war gleich: Politik und Justiz konzentrierten sich auch in Württemberg und Baden lediglich auf die Umsturzgefahr von links, der größeren Gefahr der Rechtsextremisten begegnete man zurückhaltend bis verständnisvoll. Die Mörder Erzbergers beispielsweise wurden zwar schnell ermittelt, aber nicht festgenommen, sie flohen aus Deutschland, kamen im „Dritten Reich“ zurück und wurden erst in der neu gegründeten Bundesrepublik mit geradezu lächerlichen Freiheitsstrafen von etwa zwei Jahren verurteilt. Auch der Antisemitismus griff um sich, insbesondere im protestantischen Milieu Württembergs verknüpften sich der politische Standort der DNVP mit dem Antisemitismus. In Baden gab es, bedingt durch die mehrheitlich katholische Bevölkerung, einen religiös begründeten Antisemitismus, der allerdings eher gruppenspezifisch und nicht individualistisch ausgeprägt war.

Matthias Erzberger

Bild: Bundesarchiv

Der württembergische Abgeordnete der Zentrumspartei Matthias Erzberger (1875-1921) unterzeichnete den Waffenstillstand von 1918 und wurde auch aus diesem Grund als vermeintlicher "Novemberverbrecher" zum Feindbild der Rechtsextremen in der Weimarer Republik.

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Die "Goldenen Zwanziger"

Kurzfristig entspannte sich die Situation, als 1921 und 1922 ein leichter Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen war, von dem auch die Industrien im Süden profitierten. Baden hatte zwar schwere Einbußen durch die Grenzlage und die fortdauernde französische Besetzung zu erleiden – Frankreich hatte einen Grenzstreifen zur Sicherung des Elsass dauerhaft besetzt, erst nach 1930 zogen die französischen Truppen ab –, allerdings ermöglichte die besondere Lage den zollfreien Warenverkehr mit Frankreich. Trotzdem blieb Baden bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und den Steuereinnahmen deutlich hinter Württemberg zurück.

Von langer Dauer aber war der Aufschwung in beiden Staaten nicht. Die Reparationen mussten in Form von Produkten (Kohle, Stahl) und Geld bezahlt werden. Um diese Schulden zu finanzieren, wurde von der Reichsregierung die Notenbank angewiesen, mehr Geld zu drucken, um die Schulden so bezahlen zu können. Allerdings führte diese Politik zur Inflation, zur raschen Geldentwertung. Da zu viel Geld gedruckt wurde und ihm kein realer Gegenwert in Form von Produkten gegenüberstand, musste man immer mehr Geld für das Bezahlen von Waren aufbringen. Die dadurch entstehende Hyperinflation von 1923 lähmte die Wirtschaft. Nach einer Stunde war das Geld nur noch einen Bruchteil Wert, Handel fand nur noch fast ausschließlich über Tausch statt. Erst 1924 konnte die Inflation durch eine Währungsreform gebremst werden, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit waren vielerorts die Folge. Auch die württembergische und badische Wirtschaft wurde schwer getroffen und erholte sich nur langsam.

Heinrich Köhler

Bild: LMZ

Heinrich Köhler (1878-1949) war sowohl Staatspräsident Badens und Reichsfinanzminister der Weimarer Republik, als auch stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister Württemberg-Badens.

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Die politische Entwicklung in Baden und Württemberg

Die beiden Staaten Württemberg und Baden waren im Verhältnis zu Preußen recht kleine Flächenstaaten. Erste Pläne zur Schaffung eines gemeinsamen Südweststaates kamen daher schon kurz nach Kriegsende auf, ebenso wie ausgangs der Weimarer Republik. Der „Großschwabenplan“ argumentierte, der einheitliche Staat sei wirtschaftlich leistungsfähiger, könne Baden vor einem möglichen Angriff Frankreichs besser verteidigen und die berechtigten Interessen der Südländer auf Reichsebene besser artikulieren. Allein Chancen auf Umsetzung hatte der Plan nicht.

Nach der Bekämpfung der Hyperinflation folgte der politische Ausgleich mit den ehemaligen Kriegsgegnern. Auch dort hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland einen bewältigbaren Plan benötigte, um seine Schulden bezahlen zu können. Durch die Verträge von Rapallo und Locarno, durch den Beitritt zum Völkerbund und den Berliner Vertrag von 1927, der mit Russland abgeschlossen wurde, kehrte Deutschland wieder auf die internationale politische Bühne zurück. Das Land wurde wieder als souveräner Vertragspartner anerkannt, der Young-Plan und der Dawes-Plan sahen eine langfristige Zahlungsverpflichtung für die Begleichung der Kriegskosten vor, die nun aber insgesamt begrenzt und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands angepasst erschien. Insgesamt hatte sich also die „Erfüllungspolitik“ der weitblickenden Politikergeneration Anfang der 1920er Jahre ausgezahlt.

In Württemberg waren die politischen Spannungen nach 1920 auch auf die Regierungsebene durchgeschlagen. Die SPD trat aus der Regierung aus, obwohl man ihr die Stelle des Staatspräsidenten angeboten hatte. Die Staatspräsidenten Württembergs und Badens waren den heutigen Ministerpräsidenten vergleichbar, allerdings waren sie den anderen Ministern lediglich gleichgestellt und hatten eher moderierende Funktion. Zwar beriefen sie ihr Kabinett, dem das Parlament zustimmen musste bzw. sein Vertrauen entziehen konnte, Macht, Ideen umzusetzen und politisch zu gestalten hatten die Staatspräsidenten jedoch nur in sehr engem Rahmen.

Johannes Hieber gehörte der liberalen DDP an und bildete mit dem Zentrum ab 1920 in Württemberg die Regierung, nachdem die SPD bei der Landtagswahl unterdurchschnittlich abgeschnitten hatte. Zwar kehrte sie 1921 kurzzeitig in die Regierung zurück, konnte dort aber kaum Einfluss gewinnen. Trotzdem unterstützte die SPD die Minderheitenregierung von Hieber, um die politische Stabilität zu gewährleisten und das Kabinett regierungsfähig zu halten. Einige Reformen konnten die Regierung durchsetzen, so das Kirchengesetz verabschieden und die Sanierung der Staatsfinanzen angehen, indem der Verwaltungsapparat leicht verkleinert wurde. Weitergehende Reformen wie der Versuch einer Neueinteilung der Oberämter (den heutigen Landkreisen vergleichbar) scheiterte aber. An dieser Debatte zerbrach schließlich die Regierung. Das Zentrum verbündete sich mit der konservativen deutschnationalen Volkspartei mit ihrem neuen Staatspräsidenten Wilhelm Bazille. In Baden etablierte sich hingegen eine Regierung aus SPD und Zentrum, die während der ganzen Dauer der Weimarer Republik trotz der vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, weitestgehend handlungsfähig blieb.

Die kulturelle Moderne

Mitte der 1920er Jahre hatte sich die wirtschaftliche und politische Lage in Württemberg und Baden beruhigt. Die Straßenkämpfe hatten aufgehört, die Wirtschaft begann sich dank weiterer Modernisierung der Infrastruktur und der anziehenden Binnennachfrage wieder zu erholen und leicht zu wachsen, die Arbeitslosigkeit ging zurück. In dieser Zeit wurde ein Mythos geboren: Die Goldenen Zwanziger. Golden war die Zeit sicher nicht, vielmehr wurde sie durch viele Spaltungen geprägt. Konflikte zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Demokratie und Monarchie, links und rechts, sowie zwischen Tradition und Moderne teilte die Bevölkerung.

Für Kunst und Kultur allerdings war diese Zeit der Weimarer Republik außerordentlich wichtig. Stuttgart und Karlsruhe entwickelten sich zu überregionalen Kulturzentren. Stuttgart war neben seinen Opernaufführungen berühmt als Stätte des expressionistischen Theaters wie die Kostüme des triadischen Ballets von Oskar Schlemmer noch heute eindrucksvoll belegen. Auch Willi Baumeister verbrachte Zeit in Stuttgart. Ideen des Bauhauses wurden aufgegriffen. Mit den Modellsiedlungen Weißenhof und Kochenhof waren das „moderne“ und das „konservative“ Bauen im Stadtbild prominent vertreten. Auch Karlsruhe zog Künstler an: Die Kunsthalle stellte Werke von Expressionisten aus, selbst die eher beschaulich arbeitende Karlsruher Majolikamanufaktur widmete sich der Kunst der Klassischen Moderne. Den Künstlern kam die entspannte Stimmung in den beiden Staaten zugute. Die Regierung versuchte mehr oder weniger das Land zu reformieren, zu modernisieren und zu verwalten, größere Machtkämpfe zwischen den politischen Parteien, innerhalb der Regierung oder gar der Verwaltung wie in Preußen gab es in Württemberg und Baden nicht.

Moderne Architektur

Stuttgart-Weißenhof: Plakat zur Werkbund-Ausstellung 1927 - Zeitgenössische Wohnung mit rotem Kreuz durchgestrichen. Quelle: LMZ Baden-Württemberg

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Das Ende der Weimarer Republik

Das Ende der Weimarer Republik vollzog sich langsam und war vor allem der mangelnden politischen Kultur geschuldet. Bereits um 1928 wurden die Weichen zur Abschaffung der Demokratien gestellt. Zwei Faktoren waren dafür auch im Südwesten ausschlaggebend; die Radikalisierung der konservativen Parteien auf dem rechten Rand des Parteienspektrums und die zunehmende Unwilligkeit der Parteien der Weimarer Koalition, auch weiterhin konstruktiv zusammenzuarbeiten. Auf dem linken Rand führte die Spaltung der SPD in die MSPD (Mehrheitssozialdemokratie), den Spartakusbund und die KPD zu Uneinigkeit. Ein einheitliches und gemeinsames Auftreten der Linken gab es nicht mehr. Stattdessen begann die KPD mit ideologischen Säuberungen innerhalb ihrer eigenen Partei und schwächte sich dadurch zusätzlich.

Hermann Müller

Bild: Bundesarchiv

Der zweimalige Reichskanzler der Weimarer Republik, Hermann Müller (1876-1931), war Politiker in einer Zeit politischer Komplikationen und Umbrüche. Er war bis zu seinem Rücktritt im Frühjahr 1930 der letzte parlamentarisch legitimierte Reichskanzler der Weimarer Republik.

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Auf konservativer Seite rückte vor allem die Deutschnationale Volkspartei stramm nach rechts. Hatte die Partei noch bis 1928 vor allem die konservativen Protestanten vertreten, die zwar nicht unbedingt positiv gegenüber der neuen Staatsform eingestellt war, durch die Betonung der religiösen Position aber die Demokratie nicht abschaffen wollte und so zur Stabilisierung des Staates beitrug, gab die DNVP auf Reichsebene ihre bisherige Konsenspolitik auf und öffnete sich radikalem antisemitischen Gedankengut. Der Zeitungsmagnat Alfred Hugenberg steht beispielhaft für diese Entwicklung.

In Württemberg führten die Landtagswahlen vom Mai 1928 zu unklaren Mehrheitsverhältnissen: Zwar hatte die SPD Stimmen gewonnen und hätte mit dem Zentrum koalieren können, doch verweigerte sich die Partei einer solchen Koalition.

Unter dem neuen Staatspräsidenten Eugen Bolz, der in allen Kabinetten zuvor bereits Mitglied der Regierung gewesen war, installierte er eine Minderheitsregierung der alten Koalition aus Zentrum, dem einflussreichen Bauern- und Weingärtnerbund und der Württembergischen Bürgerpartei (DNVP). Damit war Bolz auf die Duldung der Regierung durch die liberalen Parteien DVP und DDP angewiesen. Trotz dieser schwierigen Konstellation konnte Bolz die wichtigsten Projekte angehen und sich jeweils eine Mehrheit für seine Politik sichern. Die liberalen Parteien wandten sich vor allem gegen eine Regierungsbeteiligung der nationalistischen Bürgerpartei, da der frühere Staatspräsident Wilhelm Bazille eine rechtskonservative Politik verfolgte, die seine Partei auf Reichsebene vertrat. Nachdem er sich allerdings im Laufe der Regierungsarbeit sehr viel konzilianter zeigte, als dies zuvor für möglich gehalten worden war, war der Weg für DVP und DDP frei Ende 1929 in das Kabinett einzutreten und als Bürgerlicher Block die Mehrheiten im Landtag und Regierung wiederherzustellen. Bis 1933 blieb die Regierung im Amt und handlungsfähig.

In Baden stellten sich die Mehrheitsverhältnisse klarer dar: Die Badische Regierung hatte Rückhalt innerhalb des Parlaments und verfuhr wie in den vergangenen Jahren. SPD und Zentrum arbeiteten weiter gemeinsam zusammen, auch wenn dies wie der Streit um den Abschluss des badischen Konkordats erklären belegt, nicht immer einfach war.

Wilhelm Bazille

Wilhelm Bazille (1874 - 1934) war über ein Jahrzehnt Abgeordneter des Württembergischen Landtags und des Reichstags. 1924 wurde er zum Staatspräsidenten von Württemberg gewählt. Bis zum Ende der Regierung Bolz 1933 war er Kultminister. 

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Die Weltwirtschaftskrise

Mit dem New Yorker Börsenkrach 1929, dem sogenannten Schwarzen Freitag, begann die Weltwirtschaftskrise. Auch der deutsche Südwesten wurde hart getroffen, allerdings wirkte sich die Krise je nach Region unterschiedlich aus: Die kleinteilige, technisch höher stehende Industrie Württembergs hatte im Verhältnis nur geringe Einbußen zu verzeichnen. Hart getroffen wurde dagegen die Feinmechanik im Schwarzwald, die nordbadische Industrie und die Landwirtschaft in Südbaden sowie die agrarisch geprägten Regionen Württembergs.

Der Aufstieg der NSDAP

Der Aufstieg der NSDAP wurde zwar durch die Krise beschleunigt, doch wie das Beispiel Baden zeigt, war die Organisation der Partei und charismatische Personen für den Wahlerfolg äußerst wichtig. Robert Wagner, dem Gauleiter Badens und Parteigenossen Hitlers der ersten Stunde, gelang es mithilfe modernster Kommunikationsmittel und Massenveranstaltungen, auch in ländlichen Gegenden, bei der Landtagswahl 1929 einen Achtungserfolg zu erringen. Die NSDAP in Baden erreichte knapp 7 Prozent der Stimmen. In Württemberg dagegen war die NSDAP vorerst nur eine Splitterpartei. In der Landtagswahl von 1928 erreichte sie gerade einmal 1,7 Prozent der Stimmen.

Nachdem die Partei mit einer Klage wegen Benachteiligung vor dem Staatsgerichtshof erfolgreich war, erhielt sie im Landtag gerade einmal einen Sitz. Diesen konnte sie aber nicht nutzen: Die Führung der NSDAP in Württemberg war zerstritten und stieß in weiten Teilen des Landes auf Ablehnung. Die württembergische protestantische Bevölkerung war zwar deutschnational und konservativ eingestellt, gleichzeitig verhinderte die starke religiöse Bindung aber ein „Überlaufen“ zu den Nationalsozialisten. Außerdem bot der Bauernbund eine hinreichend „radikale“ Alternative als ländliche organisierte Protestpartei.

Die NSDAP profitierte auf Reichsebene von der allgemein schlechten Stimmung, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise, vor allem aber aus dem Unwillen der Parteien der Weimarer Koalition auf Reichsebene zusammenzuarbeiten. Als Folge der Mehrheitsverhältnisse im Reichstag und der Blockade der übrigen Parteien ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, eine Entscheidung, die in den Untergang führen sollte.

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