Landeskunde Baden-Württemberg

 

Personen aus der Politik

Die Ministerpräsidenten des Landes und weitere wichtige politische Persönlichkeiten stellen wir Ihnen an dieser Stelle vor.

Max von Baden (1867-1929)

Alexander Müller 

Geboren am 20. Juli 1867 als Maximilian Alexander Friedrich von Baden, absolvierte der spätere Reichskanzler zunächst eine juristische Ausbildung and den Universitäten Freiburg, Leipzig und Heidelberg. Es folgte eine militärische Karriere, die Max von Baden 1911 im Rang eines Generalmajors beendete.

Im Jahr 1900 heiratete Max  von Baden Marie Luise von Cumberland und wurde 1907 Thronfolger des Großherzogtums Baden. Als Mitglied der großherzoglichen Familie bekleidete einen Sitz in der Ersten Kammer des Landtages, der Ständeversammlung, und war seit seiner Berufung zur Thronfolge zudem Präsident des Hauses. 

Mit dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Reaktivierung als Militär. Max von Baden kommandierte als General der Kavallerie bis Herbst 1914 badische Truppenkontingente, um sich danach als Ehrenvorsitzender des Roten Kreuzes vornehmlich um die Kriegsgefangenenfürsorge zu kümmern. Mit Blick auf den Kriegsverlauf und als Befürworter eines "Siegfriedens" begrüßte Max von Baden die Berufung Paul von Hindenburgs zum Chef der Obersten Heeresleitung, doch setzte er sich ebenso für die Völkerverständigung und die Gründung eines Völkerbundes ein, der nach dem Weltkrieg unter der Ägide des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson Wirklichkeit werden sollte.

Ernennung zum Reichskanzler

Nach anfänglicher Zurückhaltung nahm der Thronfolger des Großherzogtums auch seine Möglichkeiten, auf höchster Ebene politisch aktiv zu werden, wahr. Nach der Entlassung Bethmann-Hollwegs und den kurzen Kanzlerschaften Miachelis’ und Hertlings wurde er am 3. Oktober zum Reichskanzler berufen. Unter seiner Kanzlerschaft erfolgte nicht nur die faktische Umwandlung des Deutschen Reiches in eine parlamentarische Monarchie, sondern auch die von ihm eigenmächtig erklärte Abdankung Kaiser Willhelms II. Damit war der Weg frei für die Ausrufung der Deutschen Republik, die am gleichen Tag, dem 9. November 1918, durch Philipp Scheidemann erfolgte.
Mit dem Ende des Deutschen Kaiserreiches und den Umwälzungen der Novemberrevolution, im Zuge derer auch die Fürstentümer der deutschen Einzelstaaten aufgelöst wurden, übergab Max von Baden sein Amt als Reichskanzler an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert und verzichtete für sich und seine Kinder auf die Thronfolge des Hauses im Großherzogtum Baden. Zeit seines Lebens liberalem Gedankengut verhaftet, trat Max von Baden zu Beginn der Weimarer Republik der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei bei.

Der Versuch einer historischen Bewertung der facettenreichen Person Max von Badens muss ambivalent ausfallen – seine (national-)liberale Grundhaltung und sein Einsatz für die Völkerverständigung während des Krieges lassen ihn in seiner Epoche, in der starke Nationalismen den Zeitgeist prägten, durchaus positiv hervortreten. Freilich kamen seine Vorstellungen einer parlamentarischen Umgestaltung des Deutschen Reiches aus der Rückschau betrachtet zu spät und wurden durch die Krise des Ersten Weltkrieges und den Zusammenbruch des alten System von den historischen Ereignissen überholt. 
Max von Baden starb 1929 in Konstanz und wurde in Salem, wo er 1920 die bis heute existierende Schule Schloss Salem gegründet hatte, beigesetzt.

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Anna Blos (1866-1933)

Anna Blos war nicht nur eine einflussreiche Politikerin, gesellschaftskritische Journalistin und angesehene Lehrerin. Sie engagierte sich auch als Frauenrechtlerin und Mitglied zahlreicher geistiger und kultureller Vereine – und veröffentlichte wichtige Arbeiten zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Von sozialistischen Idealen beseelt, kritisierte sie die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse nachdrücklich, gehörte aber zeitlebens zum gemäßigteren Flügel der SPD. Als Führungskraft des Württembergischen Vereins für Frauenstimmrecht kämpfte sie für das Frauenwahlrecht und appellierte an die Frauen ihrer Zeit, politische Verantwortung zu fordern – und zu übernehmen.

Anna Blos wurde am 4. August 1866 als Anna Berta Antonia Tomaczewska im niederschlesischen Liegnitz geboren. Trotz ihrer bürgerlichen Herkunft trat sie später in die SPD ein – und stieg dort bis zum Mitglied des württembergischen Landesvorstandes auf. Ihre schulische Ausbildung erhielt sie schwerpunktmäßig in Karlsruhe, wo ihr Vater zeitweise als Oberstabs- und Regimentsarzt stationiert war. Später absolvierte sie eine Lehrerinnenausbildung und hörte historische und literaturwissenschaftliche Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität.

Arbeit als Lehrerin und in der Politik

1905 heiratete sie den späteren württembergischen Staatspräsidenten Wilhelm Blos, zog gemeinsam mit ihm nach Stuttgart und schrieb dort Artikel für die sozialistische Presse. Später wurde sie als Oberlehrerin tätig – und erreichte als erste Frau im deutschen Reich die Position einer Ortsschulrätin. Die Verbesserung der Bildungschancen für Arbeiterkinder war ihr ein besonderes Anliegen. Im ersten Weltkrieg engagierte sie sich vor allem auch karitativ – und bekämpfte etwa mit der Einrichtung von Kinderküchen die Unterernährung unter württembergischen Volksschülern.

Nach 1918 wirkte sie als Vorsitzende des Verbandes Stuttgarter Hausfrauen an der Organisation hauswirtschaftlicher Kurse mit und gehörte als einzige weibliche Abgeordnete der württembergischen SPD der Weimarer Nationalversammlung an. In ihren späteren Lebensjahren setzte sich in maßgeblicher Weise für eine Überarbeitung und Neubewertung der Rolle der Frauen in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung ein. Dabei zeigte sie nachdrücklich, wie „mit und neben den Männern“ nicht zuletzt auch zahlreiche Frauen „für das höchste Ideal der Menschheit, für die Freiheit, nicht nur ihres Geschlechts, sondern auch für die Freiheit ihres Volkes, ja der ganzen Menschheit“  eingetreten waren – eine Tradition, die sie von den Frauen ihrer eigenen Zeit bewusst fortgesetzt sehen wollte.

Sie starb am 27. April 1933 in Stuttgart.

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Wilhelm Blos (1849-1927)

Im hohen Alter von siebzig Jahren wurde der Journalist, Revolutionsgeschichtsschreiber und markante Unterstützer der Frauenbewegung Wilhelm Blos im Frühjahr 1919 zum ersten demokratischen Staatspräsidenten Württembergs gewählt: Als reformorientierter Sozialdemorat und auf Ausgleich bedachter Bündnispartner der bürgerlichen Parteien wandte er sich nicht nur gegen die radikalen Linken – er legte auch besonderen Wert auf eine möglichst friedliche Auflösung der revolutionären Situation im Nachfeld des Ersten Weltkrieges. Seine Hauptaufgabe sah er darin, „das Land vor der drohenden Anarchie und der Diktatur einer gewalttätigen Minderheit zu bewahren“ und auf „den Trümmern der alten Monarchie […] eine demokratische Republik zu errichten, in der das württembergische Volk selbst über seine Zukunft bestimmen“  konnte.

Wilhelm Blos wurde am 5. Oktober 1849 im badischen Wertheim geboren. Nach dem frühen Verlust seines Vaters wurde er in zunehmendem Maße von seinem Stiefvater misshandelt und schließlich auch gezwungen, die auf Umwegen ermöglichte Gymnasialbildung zugunsten einer Kaufmannslehre abzubrechen. Nach der Auszahlung eines kleinen väterlichen Erbes holte er das Abitur nach und studierte Geschichte und Germanistik in Freiburg. Schon nach wenigen Semestern waren seine finanziellen Mittel allerdings erschöpft. Er begann daher eine von vielen Ortswechseln geprägte Laufbahn als Journalist innerhalb der sozialistischen Presse. Aufgrund seines politischen Engagements in der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei (später SPD) wurde er in der Folgezeit wiederholt inhaftiert. Als er schließlich im Zuge der Durchsetzung der Sozialistengesetze gänzlich aus Preußen  ausgewiesen wurde (seine Reise als Journalist hatte ihn letztlich nach Hamburg geführt), kehrte er als politischer Journalist und Schriftsteller nach Stuttgart zurück.

Politischer Reformkurs

Jenseits seiner journalistischen Karriere wurde Blos 1877 erstmals in den Reichstag gewählt – und gehörte diesem mit kurzen Unterbrechungen bis 1918 an. Als Abgeordneter schlug er einen ebenso überzeugten wie ausgleichend-zurückhaltenden Reformkurs ein, der ihn im Rahmen der krisengeschüttelten Nachkriegszeit zu einer wichtigen politischen Integrationsfigur machte. Auf dem Höhepunkt des Stuttgarter Revolutionsgeschehens wurde er im November 1918 zum Vorsitzenden der provisorischen Landesregierung ernannt. Wenige Monate später, im März 1919, wählte ihn die Verfassunggebende Landesversammlung offiziell zum württenbergischen Staatspräsidenten. Dass sich Blos trotz seines fortgeschrittenen Alters in dieser schwierigen Krisenzeit zu leitender politischer Verantwortung bekannte, zeichnet ihn aus heutiger Sicht aus.

Er legte sein Amt nieder, nachdem die Sozialdemokraten im Juni 1920 eine empfindliche Wahlniederlage erlitten hatten – und zog sich danach zunehmend in den Altersruhestand zurück. Er starb am 6. Juli 1927 in Stuttgart.

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Eugen Bolz (1881-1945)

Als konsequenter Gegner des NS-Regimes, langjähriger Landtagsabgeordneter und letzter württembergischer Staatspräsident vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte Eugen Bolz zu den prägenden Persönlichkeiten der südwestdeutschen Landespolitik zwischen den Weltkriegen. Er war Mitglied der Zentrumspartei, trat für christlich-humanistische Werte ein und war in maßgeblicher Weise an der landesbezogenen Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Nachfeld des Ersten Weltkrieges beteiligt. Als Doppelmandatar war er zudem Mitglied des Reichstags und auch über die württembergischen Landesgrenzen hinaus engagiert.

Eugen Anton Bolz wurde am 15. Dezember 1881 in Rottenburg am Neckar geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen, Berlin und Bonn engagierte er sich in der Zentrumspartei und wurde als Abgeordneter in den württembergischen Landtag und den Reichstag gewählt. In der Zeit der Weimarer Republik war er zunächst als württembergischer Justizminister und danach zehn Jahre lang als Innenminister tätig. 1928 wurde er schließlich zum Staatspräsidenten Württembergs gewählt. In dieser Funktion weihte er im Jahre 1930 das neu erbaute „Haus auf der Alb“ in Urach ein, das heute Tagungszentrum der Landeszentrale für politische Bildung ist.

Ablehnung des Nationalsozialismus

Aufgrund seiner offenen Ablehnung der NSDAP avancierte er in der Folgezeit zu einem der landesinternen Hauptgegner der nationalsozialistischen Bewegung. Wenige Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde er im März 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten aus seinem Amt gedrängt. Kurz darauf folgte er – trotz offen dargelegter Gewissenskonflikte – dem Fraktionszwang der Zentrumsfraktion und stimmte dem Ermächtigungsgesetz im Reichstag zu. Aufgrund seiner öffentlichen Ablehnung des neuen Regimes wurde er noch im selben Jahr festgenommen und mehrere Wochen lang inhaftiert.

Nach seiner Entlassung zog er sich anfangs zurück, kam aber bald mit dem Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler in Kontakt und engagierte sich aktiv an den Planungen für einen Umsturz. Kurze Zeit nach dem gescheiterten Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 wurde Bolz erneut verhaftet und noch Ende des Jahres zum Tode verurteilt. Am 23. Januar 1945 wurde er in einem Berliner Zuchthaus hingerichtet.

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Friedrich Ebert (1871-1925)

Als erster Reichspräsident der Weimarer Republik stellte sich Friedrich Ebert der schwierigen Verantwortung, die junge Demokratie durch eine wechselhafte Zeit der Krisen und Umbrüche zu navigieren. Sein Anspruch, „als der Beauftragte des ganzen deutschen Volkes [zu] handeln, nicht als Vormann einer einzigen Partei“ , wurde dabei zum Grundmotiv einer nicht immer unumstrittenen, stets aber dem Schutze der Republik verpflichteten Gradwanderung zwischen extremen Mitteln und ausgleichenden Ambitionen.

In Eberts zwiespältiger zeitgenössischer Rezeption als »Vertreter der kleinen Leute«, »Mann des Ausgleichs«, und »Bewahrer der Republik«, aber auch »Verräter sozialistischer Ideale«, »Novemberbrecher« und »Bundesgenosse des Militärs« spiegeln sich seine Verdienste um die Demokratie ebenso wie seine polarisierenden Entscheidungen, die ihn zur Zielscheibe sowohl links- als auch rechtsgerichteter Anfeindungen machten.

Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Er begann eine Lehre als Sattler, trat noch während seiner Wanderschaft der späteren SPD bei und war als politischer Agitator aktiv.

Politisches Wirken

Während seiner Zeit in Bremen bewies er als Arbeitersekretär der lokalen SPD ein offenes Ohr für die konkreten Probleme der einfachen Leute. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eher auf die kurzfristige Lösung akuter Missstände als auf die langwierige Ausfechtung ideologischer Auseinandersetzungen. Einem raschen Aufstieg zum überregional bekannten Arbeiterführer folgte wenig später der Einzug in den Reichstag, schließlich auch die Wahl zum Parteivorsitzenden der SPD.
Zur Zeit des Ersten Weltkrieges sah Ebert, ganz Realpolitiker, in der Unterstützung der regierungsseitigen Kriegspläne eine Chance zur Durchsetzung parlamentarischer Reformen und positionierte sich immer schärfer gegen den linken Flügel seiner Partei.

Im revolutionären Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte er sich an die Spitze der Übergangsregierung und half maßgeblich mit, die Umsturzversuche in parlamentarische Bahnen zu lenken. Seine spätere Regierungszeit als Reichspräsident wurde von einer Reihe schwieriger Entscheidungssituationen geprägt, zu denen etwa die Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag, der Militärputsch der Generäle Kapp und Lüttwitz, der Aufstand der Roten Ruhrarmee, die Besetzung des Ruhrgebiets und die Hyperinflation gehörten.

Sein früher Tod am 28. Februar 1925 bedeutete eine tiefe Zäsur in der politischen Entwicklung der Weimarer Demokratie.

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Matthias Erzberger (1875-1921)

Matthias Erzberger (1875 - 1921) wurde 1875 in Buttenhausen auf der Münsinger Alb geboren und am 26. August 1921 bei Freudenstadt von zwei paramilitärischen Rechtsextremisten ermordet. Er war Parteipolitiker, Parlamentarier und Reichsminister in der Weimarer Republik und ein Wegbereiter der parlamentarischen Demokratie. 

Matthias Erzberger wird als „der große Mann des Parlamentarismus und der Finanzreform“ (Theodor Eschenburg) bezeichnet. Seine Gegner brandmarkten ihn als „Vaterlandsverräter“ und erzeugten ein Klima des Hasses und der Konfrontation. Viele seiner Parteifreunde stimmten in die Hetze mit ein.

Ein Wegbereiter der Demokratie

Er gilt in vielerlei Hinsicht als Exponent der frühen Weimarer Demokratie: Mit seiner Unterschrift unter den Waffenstillstandsvertrag von Compiègne besiegelte er im November 1918 das Ende des Ersten Weltkriegs.

Matthias Erzberger, einer der entscheidenden Wegbereiter der parlamentarischen Demokratie in Deutschland, reformierte als Minister nach Ende des Ersten Weltkrieges in der jungen Weimarer Republik die zerrütteten Staatsfinanzen und schuf in nur neun Monaten ein grundlegend neues Steuersystem, das bis auf unsere Zeit Auswirkungen zeigt. Er etablierte eine sozial gerechte Verteilung der finanziellen Lasten, wie sie bis heute Grundlage des deutschen Steuerrechts ist.

Hetze gegen ihn stachelte zu seiner Ermordung an

Sein Einsatz für die Demokratie und die Courage, im Sinne der jungen Republik auch unpopuläre Lösungsvorschläge zu vertreten, ließen ihn zu einer Zielscheibe rechtsgerichteter Hetzkampagnen werden. Sein politischer Gegner Karl Helfferich bezeichnete ihn in der von ihm verfassten Broschüre "Fort mit Erzberger" als "Reichsverderber".  In Verkennung seiner weitsichtigen Entscheidungen als »Novemberverbrecher« diffamiert, wurde er am 26. August 1921 von rechtsextremistischen Tätern ermordet. Seine Ermordung 1921 war ein frühes Fanal für das Schicksal der Weimarer Republik, die er mitaufgebaut hatte. 

„Allein die Demokratie kann die Zukunft und Rettung des deutschen Volkes verbürgen.“

Diese von Erzberger bereits 1920 geäußerte Überzeugung erhielt angesichts der totalitären Gräuel der nationalsozialistischen Epoche trauriges Gewicht.

Knapp 100 Jahre später: Ermordung Lübkes

Sobald Hetze gegen Vertreter des Staats in Zusammenhang mit dessen späterer Ermordung steht, fällt aus heutiger Sicht zwangsweise der Fall Lübcke ein: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde Anfang Juni 2019 durch einen Kopfschuss ermordet. Sein Engagement für Flüchtlinge ließ ihn bereits zu Lebzeiten zur Zielscheibe rechtsextremer Hetze werden. Noch Wochen nach der Tat fanden sich auf YouTube menschenverachtende Kommentare gegen Lübcke. 

"Wo die Sprache verroht, ist die Straftat nicht weit."

Mit dieser Aussage gegenüber der SZ im Juni 2019 verurteile Bundespräsident Frank Walter Steinmeier die Hasskommentare gegen Lübcke vor und nach seinem Tod. Eine Aussage, die im Lichte der Geschichte auch knapp 100 Jahre früher Gültigkeit besessen hätte.

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Hans Filbinger (1913-2007)

Hans Filbinger wurde am 15. September 1913  geboren.

Von 1966 bis 1972 führte eine Große Koalition im Land. Von 1972 bis 1978 war er Ministerpräsident einer CDU-Alleinregierung.
Der in Mannheim geborene Jurist war der erste und bislang einzige Badener an der Spitze des Landes. 1972 erlangte die CDU im Land unter Filbinger erstmals die absolute Mehrheit.

Den Jahren der Ära Kiesinger, die von großer Dynamik geprägt waren, folgten unter Filbinger Jahre der Konsolidierung. Die großen Reformen zwischen 1971 und 1976, vor allem die Gebiets- und Verwaltungsreform unter der Federführung des SPD-Innenministers Walter Krause, standen für Initiativen dieser Politik, die stark rational orientiert war.

In der Amtszeit Filbingers konnte die Konfessionsschulfrage gelöst werden. Ein Meilenstein seiner Amtszeit war die Volksabstimmung im Juni 1970, bei der die Badener nachträglich mit großer Mehrheit die Bildung des Südweststaats billigten. Auseinandersetzungen über die Hochschulverfassung und die Energiepolitik, in der Wahl als Standort für ein Kernkraftwerk vorgesehen war, gaben hingegen Anlass zu heftigen Kontroversen.

1978 musste Filbinger wegen seiner Tätigkeit als Marinerichter in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs zurücktreten.
Im April 2007 ist der auch nach seiner Zeit als Ministerpräsident umstrittene Politiker im Alter von 93 Jahren gestorben.

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Eugen Gerstenmaier (1906-1986)

Als engagierter Studentensprecher im beginnenden Kirchenkampf, Mitglied des widerständigen Kreisauer Kreises zur Zeit des Nationalsozialismus und langjähriger Bundestagspräsident in der Bundesrepublik hat Eugen Gerstenmaier nicht nur einen mutigen Beitrag zum Protest gegen die kirchliche Gleichschaltung geleistet, sondern auch den allgemeinen Widerstand gegen das NS-Regime unterstützt und die Entwicklung und Festigung der jungen Bundesrepublik in exponierter Position mitbestimmt.

Seiner demokratisch-christlichen Überzeugung folgend, vertrat er im Rahmen seiner 1938 veröffentlichten Habilitationsschrift die Einsicht: „Die Rechtmäßigkeit des staatlichen Anspruchs hört dort auf, wo der Staat mit diesem Anspruch seine eigene Gemeinschaft nicht mehr schützt, sondern gefährdet oder verletzt.“

Eugen Karl Albrecht Gerstenmaier wurde am 25. August 1906 in Kirchheim unter Teck am Rand der Schwäbischen Alb geboren. Nach der Realschule begann er eine kaufmännische Ausbildung und war in der protestantischen Jugendbewegung aktiv. Nachdem er die Hochschulreife nachgeholt hatte, absolvierte er ein Studium der Philosophie, Germanistik und Evangelischen Theologie.

Widerstand gegen staatliche Übergriffe im Nationalsozialismus

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 protestierte er wiederholt gegen staatliche Übergriffe in den Raum der Kirche und war seit 1942 Mitglied in der Widerstandsgruppe des »Kreisauer Kreises«. Mit Gleichgesinnten plante er eine Neuordnung der politischen und sozialen Verhältnisse auf der Grundlage christlich-humanistischer Überzeugungen. Unter intensiver Nutzung der Kontakte und Freiheiten, die ihm seine gleichzeitige Mitarbeit im Kirchlichen Außenamt eröffnete, fungierte er als ein Bindeglied des Widerstandes.

Gerstenmaier unterstütze den gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 und wurde in diesem Zusammenhang auch verhaftet. Unter glücklichen Umständen wurde er jedoch nicht zum Tode, sondern lediglich zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.

Als anerkannter Feind des alten Regimes nahm Gerstenmeier nach Kriegsende regen Anteil am politisch-sozialen Wiederaufbau. Gerstenmaier war von 1949 bis 1969 CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Backnang. Neben seiner vierzehnjährigen Amtszeit als Bundestagspräsident war er auch stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Er unterstützte Adenauers Politik der Westbindung und setzte sich wiederholt für die deutsche Wiedervereinigung ein.

Nachdem er wegen der Annahme von Wiedergutmachungsleistungen in die Kritik geraten war, zog er sich Anfang 1969 aus der Politik zurück.

Er starb am 13. März 1986 in Oberwinter bei Remagen.

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Anna Haag (1888-1982)

Anna Haag war nicht nur stolze Hausfrau und Mutter dreier Kinder, sondern auch Schriftstellerin, Pazifistin, Frauenrechtlerin und aktive politische Mitgestalterin des  demokratisch-friedvollen Wideraufbaus nach 1945: Geprägt durch die Not zweier Weltkriege und die Erfahrungen des Nationalsozialismus, wurde Anna Haag zu einer Vorkämpferin für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Humanität. Das Recht zur Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe, das heute fester Bestandteil des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist, geht auf ihre parlamentarische Initiative zurück und ist Ausfluss ihrer Forderung: „Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden!“

Anna Haag (geb. Schaich) wurde am 10. Juli 1888 als Tochter einer kinderreichen Lehrerfamilie in Althütte geboren. Nach ihrem Volksschulabschluss wurde sie stark im elterlichen Haushalt eingebunden. Eine berufliche Ausbildung blieb ihr daher versagt. Sie heiratete mit 21 Jahren und zog 1912 gemeinsam mit ihrem Mann nach Bukarest, wo sie während des Ersten Weltkrieges später ein Flüchtlingsheim leitete. Ihre Erlebnisse während des Krieges wurden zu einem prägenden Motiv und Auslöser ihres späteren pazifistischen Engagements. Nach Kriegsende kehrte sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Württemberg zurück. Ihre schriftstellerischen Tätigkeiten, die sie schon in Rumänien begonnen hatte, baute sie weiter aus.

Als entschiedene Gegnerin des NS-Regimes und überzeugte Pazifistin erhielt Anna Haag in der Zeit des Nationalsozialismus Publikationsverbot. Der Entzug des Rechts auf freie Meinungsäußerung stieß ihr ebenso auf wie der Mangel an eigenständigem Denken, den sie für diese Zeit konstatierte.

Engagement nach 1945

Nach 1945 trat sie, von den Erfahrungen des Nationalsozialismus geprägt, bewusst an die Öffentlichkeit und wirkte am politisch-demokratischen Neubeginn mit: Sie half als Mitglied des Stuttgarter Gemeindebeirats bei der Organisation der Nachkriegsversorgung, wurde als Abgeordnete der SPD in den ersten Landtag von Württemberg-Baden gewählt, übernahm die Neugründung des Stuttgarter Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit und warb auf Vortragsreisen in die USA für eine Rehabilitation des deutschen Rufs. Angesichts der angespannten Wohnungslage in der Nachkriegszeit setzte sie sich zudem für die Errichtung eines Mädchenwohnheims in Bad Cannstatt ein. Selbiges wurde später nach ihr benannt und besteht bis heute als markanter Ausdruck ihres sozialen Engagements fort.

Anna Haag zog sich Anfang der 1950er Jahre aus der aktiven Politik zurück und starb am 20. Januar 1982 in Stuttgart.

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Lina Hähnle (1851-1941)

Als Gründerin und jahrzehntelange Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz prägte Lina Hähnle die Anfänge der Naturschutzbewegung in Deutschland in maßgeblicher Weise: Mit ihrer offenen und zupackenden Art sprach sie Vertreter des Großbürgertums und des Adels ebenso an wie Arbeiter und Handwerker - und nahm damit eine einflussreiche soziale Vermittlungsrolle ein. Ihr Wirken legte nicht nur den Grundstein für eine Reihe von bis heute bestehenden Naturschutzgebieten, sondern bündelte das aufkommende Interesse am Naturschutz auch zu einer einflussreichen, von breiten Bevölkerungsschichten getragenen Stimme in der pluralistischen demokratischen Willensbekundung jenseits der Parlamente.

Lina Hähnle wurde am 3. Februar 1851 in Sulz am Neckar geboren. Im Alter von zwanzig Jahren heiratete sie ihren Cousin, den erfolgreichen Filzfabrikanten Hans Hähnle. Schon früh bewies sie ein offenes Ohr für die Sorgen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen – und richtete etwa eine Krippe zur Betreuung von Arbeiterkindern in einem ihrer ehemaligen Wohnhäuser ein.

Gründerin des Bundes für Vogelschutz

1899 gründete sie in Stuttgart den Bund für Vogelschutz – und baute diesen in der Folgezeit zur erfolgreichsten und mitgliederstärksten Vereinigung ihrer Art aus. Später kommentierte sie ihren Einsatz mit den Worten: „Ich konnte […] die rücksichtlose Ausbeutung der Natur einfach nicht mehr mit ansehen. Mein Vater hatte die Freude an der Natur in mich und meine Geschwister gepflanzt, ebenso wollte ich meinen Kindern diese reiche Quelle erschließen.“

Dass Hähnle den Vorsitz des Bundes mangels anderweitiger Freiwilliger kurzerhand selbst übernahm, wurde von einigen (gerade auch männlichen) Zeitgenossen anfänglich recht skeptisch betrachtet. Mit ihrer Begabung zur Problemlösung und dem Mut, neue Wege zu gehen, zeigte sie sich aber bald als durchsetzungsfähiges und erfolgreiches Organisationstalent, das den Verein ganz bewusst auf eine breite gesellschaftliche Basis stellte: Indem sie den Mitgliederbeitrag unter Einsatz ihres Privatvermögens gering hielt und weder Fachwissen noch einen bestimmten gesellschaftlichen Status für den Eintritt voraussetzte, baute sie ihren Verein binnen kürzester Zeit zu einer regelrechten Massenorganisation aus. Die gesellschaftliche Stellung ihrer großbürgerlichen Herkunft und den politischen Einfluss ihres Mannes machte sie sich dabei mehrmals geschickt zunutzte – etwa um eine Verschärfung des Reichsvogelschutzgesetzes zu erreichen. Die zeitweise Anpassung ihres Vereins an die späterhin aufkommende nationalsozialistische Bewegung konnte sie allerdings nicht verhindern.

Sie starb am 1. Februar 1941 in Giengen an der Brenz.

 

Weitere Informationen:

Naturschutzbund: Lina Hähnle 

  • HEGER, Wolfgang:  „Lina Hähnle (1851-1941). Nicht nur Vogelmutter.“ In: Birgit KNORR und Rosemarie WEHLING (Hgg.): Frauen im deutschen Südwesten. Stuttgart 1993, S. 170-175.
  • MAY, Helge: „Lina Hähnle. Vogelmutter mit Courage und Ausdauer.“ In: Naturschutz heute 1/99, 5. Februar 1999 
  • WÖBSE, Anna-Katharina: „Lina Hähnle. Eine Galionsfigur der frühen Naturschutzbewegung.” In: Stiftung Naturschutzgeschichte (Hrsg.): Naturschutz hat Geschichte. Essen 2003, S. 113-130.
  • Naturschutzbund: Lina Hähnle 
  • BINDNER, Anita: Die Vogelmutter - Lina Hähnle, ein Leben für den Naturschutz. Edition Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. Redaktion: Wilhelm Reschl. Produktion: Haus des Dokumentarfilms Stuttgart.
     

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Theodor Heuss (1884-1963)

„Demokratie und Freiheit [sind] nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte“  – diese Kernüberzeugung setzte Theodor Heuss 1949 an den Anfang seiner Antrittsrede als erster deutscher Bundespräsident.

Als  promovierter Nationalökonom, bekennender Liberaler und Demokrat, Bildungsbürger und politischer Publizist hat Heuss nicht nur die demokratische Rehabilitierung Deutschlands im Nachfeld des Zweiten Weltkrieges maßgeblich mitbestimmt, sondern auch einen wegweisenden Beitrag zum Aufbau einer politisch-demokratischen Kultur in Deutschland geleistet.

Am 31. Januar 1884 in Brackenheim nahe Heilbronn geboren, beteiligte sich Heuss schon zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs an Demonstrationen für die Einführung des gleichen und direkten (Männer-)Wahlrechts in Preußen und setzte sich aktiv für die Demokratisierung des deutschen Südwestens ein. Sein politisches Denken war in maßgeblicher Weise von den sozialreformerischen Ideen des Liberalen Friedrich Naumann geprägt, zu dessen engsten Mitarbeitern er lange Zeit gehörte.

Nach dem Ersten Weltkrieg unterstützte Heuss die Weimarer Republik - zunächst im Rahmen schriftstellerischer und politischer Tätigkeiten, später auch als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei. Angesichts des fortschreitenden Machtgewinns der nationalsozialistischen Bewegung geriet er jedoch zunehmend unter Druck.

Heuss als erster Bundespräsident

In der Folge des Zweiten Weltkrieges wirkte Heuss, unter anderem zum ersten Vorsitzenden der FDP gewählt, in maßgeblicher Weise am politisch-demokratischen Neuaufbau mit. Während seiner Zeit als Bundespräsident war er insbesondere bemüht, die Bürgerinnen und Bürger der jungen Bundesrepublik für die Demokratie zu begeistern und eine differenzierte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit voranzutreiben. Er prägte den bis heute viel diskutierten Begriff der »Kollektivscham« und legte – nach dem tiefschürfenden Vertrauensverlust der NS-Zeit – mit einer Reihe bedeutsamer und schwieriger Staatsbesuche die Grundlage für die Wiedereingliederung Deutschlands in die internationale Gemeinschaft.

Auch während der Hochphase seines politischen Wirkens blieb Heuss dabei stets breit interessiert: Das Eintreten für die Demokratie und den Rechtsstaat ging für ihn immer auch mit kultureller und wissenschaftlicher Bildung einher.
Heuss starb, wenige Jahre nach Ende seiner zweiten Amtszeit als deutscher Bundespräsident, am 12. Dezember 1963 in Stuttgart.

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Elly Heuss-Knapp (1881-1952)

Als einflussreiche Sozialreformerin, liberale Politikerin und Gründerin des deutschen Müttergenesungswerks stellte Elly Heuss-Knapp weite Teile ihres Lebens in den Dienst der sozialen Arbeit – und leistete dabei wichtige Beiträge zur politischen Entwicklung Deutschlands. 1919 rief sie ihre Zeitgenossinnen mit innovativer Wahlwerbung zum Gebrauch des neu errungenen Frauenwahlrechts auf. Für den politischen Neuanfang im Nachfeld des NS-Regimes appellierte sie an die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen: „Ein Volk hat kein Gewissen, ein Staat kann nicht Buße tun. Volk und Staat aber bestehen aus Einzelnen. Nachdem wir lange die furchtbare Überbetonung des Gemeinschaftslebens mit allen Propagandamaßnahmen vorgeführt bekamen, sollten wir uns jetzt darauf besinnen, daß die Einzelpersönlichkeit freie Entfaltungsmöglichkeit haben muß, nur gebunden an die Einsicht, daß die Mitmenschen die gleichen Rechte beanspruchen.“ 

Elly Heuss-Knapp wurde am 25. Januar 1881 in Straßburg geboren (ihr Vater lehrte dort als angesehener Nationalökonom an der deutschen Universität). Nach der höheren Mädchenschule absolvierte sie eine Ausbildung zur Lehrerin. Gerade 20jährig, setzte sie bereits kurz nach ihrem Examen mit der Gründung der ersten Straßburger Fortbildungsschule zur Weiterbildung junger Mädchen einen wichtigen Impuls für das zeitgenössische Bildungssystem. Nebenher engagierte sie sich in der Armenpflege.

Politische Aktivität

Später studierte sie Volkswirtschaftslehre in Freiburg und Berlin und begann, erste politische Vorträge zu halten. Über ihren gemeinsamen Freund und politischen Ziehvater Friedrich Naumann lernte sie den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss kennen. Die beiden heirateten 1908 und zogen zusammen nach Berlin. Im Nachfeld des Ersten Weltkrieges arbeitete Heuss-Knapp erneut als Lehrerin – und wurde darüber hinaus im Rahmen der Deutschen Demokratischen Partei aktiv. Eine Reichstagskandidatur scheiterte, unterstrich aber ihr politisches Engagement nachdrücklich.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Elly Heuss-Knapp ihre Lehrbefugnis, ihr Mann büßte sein Reichstagsmandat und eine Dozentenstelle ein. In dieser Zeit ernährte sie mit ihrer Arbeit als Werbetexterin die Familie. Das gemeinsame Haus wurde ein Anlaufpunkt für Gegner und Verfolgte des NS-Regimes.

Nach 1945 nahm sie aktiv am demokratischen Wiederaufbau teil – und wurde als Abgeordnete der DVP (später FDP) in den Landtag von Württemberg-Baden gewählt. Schließlich wurde 1950 unter ihrer Federführung das Deutsche Müttergenesungswerk gegründet. Für den erfolgreichen Start der Organisation setzte sie sich trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit noch monatelang ein. Sie starb am 19. Juli 1952 in Bonn.

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Oskar Kalbfell (1897-1979)

Der Name Oskar Kalbfell ist heute eng mit der Reutlinger Stadtgeschichte verbunden: Als langjähriger Oberbürgermeister führte er die Stadt von 1945 bis 1973 durch eine schwierige Zeit des Wandels und des Wiederaufbaus. Schon zuvor hatte er durch sein couragiertes Auftreten bei der friedlichen Übergabe an die anrückenden französischen Truppen eine weitere Zerstörung der Stadt verhindert. Er förderte den sozialen Wohnungsbau, leitete Reformaßnahmen im Bildungswesen ein und engagierte sich für Theater, Musik und Kunst. Zudem war er als kommissarischer Landrat, Mitglied des Kreistags, Landtagsabgeordneter und Mitglied des ersten Bundestages auch jenseits der Stadtpolitik aktiv. Den Bildungseifer, der seinen politischen Aufstieg begründete, beschrieb er rückblickend mit den Worten: „Das Leben erschien mir so groß, daß ich alles das, was ich noch nicht wusste, unbedingt erfassen und ergreifen wollte.“

Oskar Kalbfell wurde am 28. Oktober 1897 in Betzingen geboren. Sein Vater, ein Metzger und Gastwirt, starb, als Oskar gerade fünf Jahre alt war. Da ihm der Besuch einer weiterführenden Schule als Halbwaise aus armen Verhältnissen versagt blieb, absolvierte Kalbfell eine Lehre in einer Reutlinger Maschinenfabrik. Gleichzeitig wurde er im Rahmen der Betzinger Gruppe des Arbeiter-Turnbundes schon im Jugendalter nicht nur sportlich, sondern auch politisch und organisatorisch aktiv.

Politisches Wirken in der SPD und als Oberbürgermeister

Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges trat er in die SPD ein. Als begabter Redner und engagierter Sportfunktionär wurde er rasch bekannt. 1922 zog er in den Reutlinger Gemeinderat ein – und tat sich dort durch unbequemen Redemut hervor. Einer Anstellung als kaufmännischer Angestellter und Prokurist folgte eine Geschäftsführerposition. Später brachte er es als Teilhaber eines Baugeschäfts zu beträchtlichem Wohlstand.

Als einer der maßgeblichen Führer der Reutlinger SPD wurde Kalbfell nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten vier Wochen lang inhaftiert. Im weiteren Verlauf des NS-Regimes zeigte er sich jedoch zu erheblichen Anpassungsleistungen bereit. 1939 stellte er gar einen Aufnahmeantrag in die NSDAP. Dass dieser Antrag letztlich aus „mangelhafter politischer Zuverlässigkeit“ und unvereinbarer „weltanschaulicher Gesinnung“ abgelehnt wurde, blieb – jenseits aller opportunistischer Anpassungsbereitschaft – markantes Zeugnis einer innerlich fortdauernden sozialdemokratischen Überzeugung, die Kalbfell späterhin ebenso rehabilitierte wie seine Mitarbeit in der „Reutlinger Widerstandsgruppe“ und sein Wirken als einer der großen Oberbürgermeister der Nachkriegszeit. Er starb am 5. November 1979 in Reutlingen.

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Wilhelm Keil (1870-1968)

„Im demokratischen Staate sind dem Volke höhere Pflichten und Verantwortlichkeiten auferlegt, als in irgendeiner anderen Staatsform. […] Von der Festigung des demokratischen Gedankens im Bewußtsein des deutschen Volkes hängt die deutsche Zukunft ab.“  Als Wilhelm Keil diese Überzeugung im Jahre 1952 – im Alter von über 80 Jahren – formulierte, tat er dies mit der Erfahrung eines Politikers, der nicht nur die Gründungsphase der Bundesrepublik und die Demokratie der Weimarer Zeit, sondern auch schon die Politik des ausgehenden Deutschen Kaiserreiches an vorderer Stelle mitgestaltet hatte: Im Laufe seiner parlamentarischen Karriere war er annähernd 40 Jahre auf Landes- und mehr als 20 Jahre auf Reichsebene aktiv. Er zählte zu den Vordenkern eines sozial gerechten Steuersystems, entwickelte eine frühe Initiative zur Errichtung des vereinigten Südweststaates und engagierte sich für die europäische Gemeinschaft.

Wilhelm Keil wurde am 24. Juli 1870 im kurhessischen Helsa geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf und absolvierte eine Lehre als Drechsler. Im Laufe seiner Gesellenwanderung kam er mit führenden Köpfen der SPD in Kontakt – und startete erste journalistische Gehversuche im Rahmen der Partei- und Gewerkschaftspresse. Unter dem Eindruck des bis 1890 geltenden Verbots außerparlamentarischer sozialdemokratischer Organisationen verlor er dabei seine handwerkliche Anstellung. Erst nach aufwändiger Suche fasste er als hauptamtlicher Redakteur der »Schwäbischen Tagwacht«, des Parteiorgans der württembergischen SPD, Fuß. Innerhalb weniger Jahre avancierte er zum leitenden Redakteur des Blattes, 1900 erhielt er ein erstes Abgeordnetenmandat auf Landesebene. Zehn Jahre später zog er erstmals in den Reichstag ein. Im Zuge seiner parlamentarischen Tätigkeit streifte er frühere radikal-sozialistische Überzeugungen ab – und geriet damit zunehmend in Widerstreit zum linksextremen Flügel der SPD.

Einsatz für Demokratie und Parlamentarismus

Im Nachfeld des Ersten Weltkrieges war Keil am friedlichen Übergang zum parlamentarischen System beteiligt. Er bekannte sich entschlossen zur Demokratie, trat in den Krisenjahren zwischen 1921 und 1923 als Arbeits- und Ernährungsminister in die württembergische Landesregierung ein und machte sich für eine Öffnung der sozialdemokratischen Politik für breitere Wählerschichten stark. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich ins Privatleben zurück.

Nach 1945 leistete Keil einen erneuten Beitrag zum Wiederaufbau der Demokratie – unter anderem als Präsident des Landtags von Württemberg-Baden, aber auch als stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft »Der Bürger im Staat«, einer Vorläuferin der heutigen Landeszentrale für politische Bildung. Er starb am 5. April 1968 in Ludwigsburg.

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Kurt Georg Kiesinger (1904-1988)

Kiesingers wichtige Verdienste um die Stärkung einer demokratischen und bildungsorientierten Kultur im deutschen Südwesten und das vermittlerische Können, mit dem er die erste Große Koalition auf Bundesebene unter schwierigen Bedingungen zusammenhielt, charakterisieren ihn als einen bedeutenden Demokraten der Nachkriegszeit. Als Politiker der CDU war er von 1958 bis 1966 Ministerpräsident von Baden-Württemberg und von 1966 bis 1969 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Kurt Georg Kiesinger wurde am 6. April 1904 in Ebingen geboren. Er begann ein geisteswissenschaftliches Studium in Tübingen, wechselte aber schon bald nach Berlin, um dort Rechts- und Staatswissenschaften zu studieren. Im Februar 1933 trat er – von den populären wirtschaftlichen und sozialen Zielen der Partei angetan – der NSDAP bei. Mit der totalitären Ideologie und den extremistischen Forderungen der nationalsozialistischen Bewegung identifizierte sich Kiesinger jedoch – wie neuere Forschungsbeiträge eindeutig betonen – ausdrücklich nicht.

Politische Karriere

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete auch für Kiesinger einen Neuanfang: Nachdem er vor Kriegsbeginn vor allem als Anwalt gearbeitet hatte, wandte er sich nun der Politik zu. Während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter trat er nicht nur als exzellenter Redner, sondern auch als begabter Vermittler zwischen unterschiedlichen Interessen hervor. Schon früh setzte er sich für eine Zusammenarbeit zwischen CDU und SPD ein.

Seine umsichtige Regierungszeit als Ministerpräsident von Baden-Württemberg trug maßgeblich zur inneren Stabilisierung des jungen Bundeslandes bei und begründete vor allem im Bildungsbereich eine bis in die heutige Zeit wirksame Modernisierung, zu der unter anderem auch die Universitätsneugründungen in Konstanz und Ulm gehören.

Vor dem Hintergrund einer innen- und außenpolitischen Krisensituation kehrte Kiesinger Mitte der 1960er Jahre als dritter Kanzler der Bundesrepublik auf die Ebene der Bundespolitik zurück. Seine Fähigkeiten als Vermittler trugen dazu bei, dass die von ihm geführte Große Koalition trotz markanter Reibungsflächen und schwieriger Konfliktsituationen bis zu den Wahlen von 1969 fortbestand.
Kiesinger starb, seit 1980 aus der aktiven Politik zurückgezogen, am 9. März 1988 in Tübingen.

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Arnulf Klett (1905-1974)

Fast dreißig Jahre lang führte Arnulf Klett seine Heimatstadt Stuttgart als Oberbürgermeister durch eine schwierige Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und der demokratischen Erneuerung: Im April 1945 von der französischen Besatzungsmacht mit der Leitung der Stuttgarter Stadtverwaltung  betraut, sicherte er die Grundversorgung der Bevölkerung – und setzte sich für einen breiten Ausbau der öffentlichen Infrastruktur ein. Er bemühte sich (nicht zuletzt im Zuge der Begründung einer Städtepartnerschaft mit Straßburg) um eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen und bewies als volksnaher Politiker ein offenes Ohr für die Belange der Bevölkerung. Im kritischen Rückblick auf den Niedergang der Weimarer Demokratie mahnte er mit Nachdruck: „Wir brauchen eine lebendige Demokratie. Allen Ansätzen einer selbstsüchtigen Interessenpolitik und den Gefahren einer […] Formaldemokratie müssen wir ein demokratisches Bewußtsein entgegensetzen, das sich aus einem starken Gefühl der Freiheit, einem echten Verantwortungsbewusstsein und dem Mut zur Initiative zusammensetzt.“

Arnulf Klett wurde am 8. April 1905 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur absolvierte er ein Jurastudium in Tübingen und ließ sich 1930 als promovierter Anwalt in Stuttgart nieder. Er blieb zeitlebens parteilos, galt aber als früher Kritiker des NS-Regimes und pflegte enge Kontakte zum evangelischen Widerstand. Aufgrund seines offenen Engagements für Verfolgte wurde er bereits im Herbst 1933 für vier Wochen in das Konzentrationslager auf dem Heuberg gebracht, blieb seiner regimekritischen Einstellung aber treu.

Stuttgarter Oberbürgermeister

Schon zwei Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Klett von der Besatzungsmacht als Stuttgarter Oberbürgermeister eingesetzt – ein Amt, in das er ab 1948 mit jeweils deutlichen Mehrheiten gewählt wurde und das er bis zu seinem Tod versah. Er erwies er sich als ebenso volkstümlicher wie entschlossener Politiker, der sich gerne als tatkräftiger Initiator verstand und das Stadtbild Stuttgarts durch eine – nicht immer unkritisch bewertete – Bevorzugung von Neubauten gegenüber Wiederaufbauten prägte. Er war Mitglied der Vorläufigen Volksvertretung für das Land Württemberg-Baden, galt als ausgefeilter und präziser Redner und stand an der Spitze zahlreicher Vereine und Verbände.

Die parteipolitischen Entwicklungen und Turbulenzen der 1960er Jahre stellten Klett als parteilosen Kommunalpolitiker trotz allen Arbeitseifers vor schwierige und aufreibende Aufgaben. Er starb, gesundheitlich durch seine Arbeit angeschlagen, am 24. August 1974 während eines Kuraufenthalts auf der Bühler Höhe im Schwarzwald.

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Heinrich Köhler (1878-1949)

Heinrich Köhler war nicht nur Staatspräsident Badens und Reichsfinanzminister der Weimarer Republik, sondern wirkte auch als stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister Württemberg-Badens am politisch-demokratischen Neuaufbau nach 1945 mit. Er gilt als Exponent des badischen Zentrums und badischer Vater des Südweststaates. Geprägt durch die Erfahrungen des nationalsozialistischen Regimes stellte er seinen Einsatz für eine als „Erziehung zu Demokratie“ verstandene politische Bildung unter die Einsicht: „So wie früher der große Schlapphut noch nicht den Demokraten ausmachte, so auch jetzt nicht das viele Reden von Demokratie und das uferlose Projektieren. Demokratie verlangt Gesinnung und vor allem Taten.“

Heinrich Köhler wurde am 29. September 1878 in Karlsruhe geboren. Nach der Realschule wurde er zunächst als Finanzgehilfe tätig, später ging er als Zollamtsgehilfe nach Mannheim. Als überzeugter Katholik spürte er im protestantisch-liberal regierten Großherzogtum Baden einen besonderen Leistungsdruck. Er wurde zunehmend politisch aktiv, wandte sich dem badischen Zentrum zu und absolvierte eine rasche politische Karriere: 1911 wurde er Stadtverordneter in Karlsruhe, zwei Jahre später zog er als Abgeordneter in die Zweite Kammer des badischen Landtags ein. In der Folge des Ersten Weltkriegs amtierte er sieben Jahre lang als badischer Finanzminister – und war in dieser Zeit auch turnusmäßig zweimal Staatspräsident. Republikfeindliche Tendenzen wie den Hitlerputsch von 1923 lehnte er entschieden ab. 1927 wurde er zum Reichsfinanzminister berufen, im Jahr darauf zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein.

Gründung des Südweststaates

Nachdem er in der Zeit des NS-Regimes zunehmend unter Druck geraten war, wurde Köhler nach 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht als Landesbezirkspräsident von Nordbaden und stellvertretender Ministerpräsident Württemberg-Badens eingesetzt. Mittlerweile fast 70jährig, widmete er sich mit großem Engagement dem politischen, vor allem aber auch wirtschaftlichen Wiederaufbau. Als Urbadener stand er der Gründung eines vereinigten Südweststaates anfangs noch skeptisch gegenüber. Vor dem Hintergrund der Einsicht, dass nur ein Bund ähnlich starker Teilstaaten ein festes Fundament für einen westdeutschen Staat schaffen konnte, stellte er badische Eigeninteressen jedoch bald zurück und erwies sich als ein strategischer Vordenker der Bundesrepublik.

Er starb am 6. Februar 1949 in Karlsruhe.

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Walter Krause (1912-2000)

Als sozialdemokratischer Politiker des Ausgleichs und der Mitte zeichnete sich Walter Krause zeitlebens durch einen sachorientierten politischen Stil aus, mit dem er die Geschicke des Bundeslandes Baden-Württemberg in den Jahren nach dessen Grundsteinlegung in zurückhaltender, aber maßgeblicher Weise mitbestimmte. Mit seiner wegweisenden Gemeinde- und Kreisreform hat er dabei eine administrative Ordnung geschaffen, die das strukturelle Gesicht Baden-Württembergs bis heute prägt. Zudem brachte er eine Schulreform auf den Weg, die der konfessionellen Trennung eine Absage erteilte und der Chancengleichheit in der Bildung verpflichtet war. Angesichts seines Einflusses auf die inneren Strukturen und verfassungsrechtlichen Grundlagen des jungen Bundeslandes gilt er heute als »Innenarchitekt« Baden-Württembergs. Mit Blick auf die baden-württembergische Landesverfassung hielt er fest: „Daß es für unser Land eine solche solide und […] tragfähige Grundlage gibt, die in freier Entscheidung von Abgeordneten geschaffen wurde, die den demokratischen Parteien angehören, sollte auch im Alltag der politischen Auseinandersetzungen allen Beteiligten bewusst bleiben. Dies ist nämlich die Existenzgrundlage der parlamentarischen Demokratie.“

Walter Krause wurde am 21. Dezember 1912 in München geboren. Er wuchs in Schlesien auf, fand aber später in Mannheim eine zweite Heimat. Schon während des naturwissenschaftlichen Studiums in Heidelberg engagierte er sich als Vorsitzender einer Sozialistischen Studentengruppe – und wurde daher nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zwangsexmatrikuliert. In der Folge näherte er sich sozialdemokratischen Widerstandsgruppen an.

Politisches Engagement in der SPD

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges trat er der SPD bei und wurde als Dozent tätig. Wenige Jahre darauf wurde er in den Kreisvorstand der SPD, später in die Verfassunggebende Landesversammlung gewählt – und trat als junger Abgeordneter im Verfassungsausschuss hervor. 1955 brachte er es zum Mannheimer Bürgermeister für Kultur, Schule und Sport, setzte sich in dieser Funktion erfolgreich für die Umwandlung der Wirtschaftshochschule in eine Universität ein und förderte den zweiten Bildungsweg. Seit Ende der 1950er Jahre übernahm er auch in der Landtagsfraktion der SPD leitende Verantwortung. Wenige Jahre darauf wurde er zunächst Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg, später – in der Großen Koalition mit der CDU - auch Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident des Bundeslandes. Ab 1972 zog er sich schließlich im Zeichen veränderter parlamentarischer Kräfteverteilungen zunehmend aus der aktiven Politik zurück.

Er starb am 4. Dezember 2000 in Mannheim.

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Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann wurde am 17. Mai 1948 in Spaichingen geboren. Er ist katholisch, verheiratet und Vater einer Tochter und zweier Söhne.

Beruflicher Werdegang

1968 machte Kretschmann sein Abitur und absolvierte den Grundwehrdienst. Danach studierte er Naturwissenschaften an der Universität Hohenheim. Sein Staatsexamen erlangte er 1977. Danach arbeitete er als Lehrer in Stuttgart, Esslingen, Mengen und Bad Schussenried.

Politische Laufbahn

Während seines Studiums war Winfried Kretschmann ASTA-Vorsitzender an der Uni Hohenheim und trat unter anderem aufgrund des ideellen Einflusses der 68er-Bewegung linksradikalen K-Gruppen bei. Nach diesem von ihm selbst als fundamentalen politischen Irrtum bezeichneten Schritt unterrichtete er in seiner Funktion als Lehrer Schülerinnen und Schüler jenseits aller Ideologien über die grundlegenden chemischen und biologischen Zusammenhänge der Welt. Die Politik ließ ihn trotzdem nicht mehr los.

Zwischen 1979 und 1980 war Kretschmann einer der Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg und zog 1980 mit fünf anderen grünen Parteimitgliedern in den ersten Landtag eines Flächenstaates ein. Von 1982 bis 1984 war er Mitglied des Kreistags in Esslingen. Von 1983 bis 1984 fungierte er als Sprecher der Grünen im Landtag. Als langjähriges Landtagsmitglied gehörte er dem Parlament von 1980 bis 1984 und von 1988 bis 1992 an. Seit 1996 sitzt er wieder im baden-württembergischen Landtag.

1986 holte Joschka Fischer ihn in das erste grüne Umweltministerium nach Hessen. Bereits 1988 kehrte Kretschmann in den Landtag in Baden-Württemberg zurück. 1992 unterlag er Helmut Palmer in seinem Wahlkreis und verlor sein Mandat. Nach vier Jahren fast politikfreiem Lehrerdasein zog er 1996 wieder in den Landtag ein und wurde umweltpolitischer Sprecher und Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Verkehr. 2002 wählte die Fraktion Winfried Kretschmann zu ihrem Vorsitzenden. 2005 wurde er als Spitzenkandidat der Grünen zur Landtagswahl aufgestellt. Zwei Jahre später wirkte er in der Föderalismuskommission II mit. 2010 wurde er in das „Schlichtergremium Stuttgart 21“ berufen. Im Juni desselben Jahres wählte ihn seine Partei zum zweiten Mal zu ihrem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl.

Am 12.05.2011 wurde Winfried Kretschmann erstmals zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg und Chef einer grün-roten Koalition gewählt. Am 12. Mai 2016 wurde er erneut im ersten Wahlgang vom Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt, dieses Mal von einer grün-schwarzen Koalition.

Bedeutung für Baden-Württemberg

Als Ministerpräsident des Landes bestimmt Kretschmann die Richtlinien der Politik, führt den Vorsitz der Regierung und leitet ihre Geschäfte. Außerdem vertritt er das Land Baden-Württemberg nach außen und ernennt die Richter und Beamten des Landes. Zusätzlich ist Winfried Kretschmann der Fraktionsvorsitzende der baden-württembergischen Grünen und koordiniert die Interessen und politische Anliegen innerhalb der Partei.

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Marie Kurz (1826-1911)

Marie Kurz gehörte zu den wenigen württembergischen Frauen, die sich schon in der Revolutionszeit von 1848/49 öffentlich für mehr Freiheit und Menschenrechte einsetzten. Als frühe Sozialistin und radikal-republikanische Pazifistin war sie dabei nicht nur eine Vorsprecherin der revolutionär-liberalen Esslinger Jugend zur Zeit des Vormärz, sondern auch eine der ersten politischen Frauengestalten im 19. Jahrhundert  überhaupt. Den einflussreichen, Ende 1848 von der Frankfurter Nationalversammlung angenommenen   Grundrechtekatalog begrüßte sie mit den Versen:

Dem neuen Wein gebühren neue Schläuche,
Der neue Geist erfordert neues Licht,
Drum fort nun die veralteten Gebräuche,
Wo die Vernunft in Flammenworten spricht.

Marie Kurz wurde am 6. August 1826 als Eva-Maria von Brunnow in Ulm geboren. Ihr adeliger Familienhintergrund ermöglichte ihr eine aus zeitgenössischer Perspektive ausgezeichnete Bildung: Neben den Unterricht im Königin-Katharinen-Stift traten Privatstunden bei verschiedenen Gouvernanten, die sie insbesondere für Literatur und klassische Schriften begeisterten.

Politisches Engagement

Schon in ihrer Jugendzeit führte Marie Kurz ein aufgeschlossenes und politisch aktives Leben: Sie pflegte regen Umgang mit der bürgerlichen und adeligen Nachbarschaft, nahm an studentischen Debatten teil und veröffentlichte politische Gedichte. Während der Revolution von 1848/49 war sie im demokratischen Lager aktiv. Sie trat mit republikanischen Reden an die Öffentlichkeit, verteilte politische Manifeste und brachte ihre Gesinnung auch äußerlich zum Ausdruck, indem sie sich den bürgerlichen Kleidervorschriften provokant widersetzte und ländlich-bäuerliche Kleidung trug.

Schon vor dem frühen Tod ihrer Eltern hatte sich das Familienvermögen durch schlechtes Wirtschaften stark vermindert; das restliche Erbe steckte Marie Kurz zu erheblichen Teilen in die Unterstützung politischer Flüchtlinge. Im Februar 1848 lernte sie den ähnlich gesinnten Redakteur und Schriftsteller Hermann Kurz kennen, den sie 1851 unter demonstrativer Ablegung ihres Adelstitels heiratete. Das Ehepaar bekam insgesamt fünf Kinder und lebte zunächst einige Jahre lang in Stuttgart, später in Oberesslingen und Tübingen. Wegen aufrührerischer Reden musste sich Marie Kurz im Sommer 1853 kurzzeitig vor dem Stuttgarter Schwurgericht verantworten, wurde aber freigesprochen. Das Ehe- und Familienleben war dominiert von liberal-demokratischen Idealen, zahlreichen Haushaltspflichten und einer über weite Strecken äußerst kargen Finanzsituation.

Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes, der bereits 1873 gestorben war, zog Marie Kurz gemeinsam mit ihren Kindern nach Italien. 1910 kehrte sie zusammen mit ihrer Tochter Isolde, die mittlerweile als Dichterin bekannt geworden war, nach Deutschland zurück.

Sie starb am 26. Juni 1911 in München.

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Reinhold Maier (1889-1971)

Als Vorkämpfer des vereinigten Südweststaates und erster Ministerpräsident Baden-Württembergs zählt Reinhold Maier zu den prägendsten Landespolitikern der südwestdeutschen Nachkriegszeit. In bekennender Tradition zu den badischen und württembergischen Demokraten von 1848 sah Maier seinen Einsatz für den Südweststaat aber immer auch als einen Beitrag zur Überwindung regionaler Einzelinteressen im größeren Dienste der föderalen Wiederherstellung des deutschen Nationalstaates.

In einer Rundfunkansprache von 1945 stellte er sein politisches Engagement der Nachkriegszeit unter die Einsicht: „In unserer sachlichen Arbeit gibt es keine Rache und keine auf Instinkten aufgebaute Vergeltung. Nur die Gerechtigkeit in allen Dingen kann uns die Grundlage zur Wiedergewinnung eines moralischen Status im staatlichen Leben unseres Vaterlandes schaffen.“

Reinhold Maier wurde am 16. Oktober 1889 in Schorndorf geboren und studierte Rechtswissenschaften in Grenoble und Tübingen. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der linksliberalen DDP bei und ließ sich wenig später als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder. Anfang 1930 wechselte er als württembergischer Wirtschaftsminister in die Berufspolitik. Wenig später in den Reichstag gewählt, unterschätzte er die Radikalität der nationalsozialistischen Bewegung und stimmte – in trügerischer Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung – dem Ermächtigungsgesetz zu. Seine Frau, die aus einer angesehenen jüdischen Familie stammte, floh kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zusammen mit den beiden Kindern des Ehepaares nach England.

Erster Ministerpräsident von Württemberg-Baden

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Maier von der amerikanischen Militärregierung das Amt des Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden übertragen. Später wurde er (als Spitzenkandidat der von ihm mitbegründeten Württemberger FDP) vom Landtag in diesem Amt bestätigt. Nach Bildung des vereinigten Südweststaates wurde er zum ersten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gewählt. 1952/1953 war er Bundesratspräsident. Die von Konrad Adenauer betriebene Politik der Westbindung und Wiederbewaffnung lehnte er – aus Furcht vor einer Spaltung Deutschlands – ab.

Ende 1953 trat er unter starkem politischen Druck von seinem Amt als Ministerpräsident zurück. 1957 wurde er Bundesvorsitzender der FDP und blieb auch nach seinem Ausscheiden aus diesem Amt insbesondere in der Landespolitik und als Ehrenvorsitzender der FDP politisch aktiv. Er starb am 19. August 1971 in Stuttgart.

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Stefan Mappus

Stefan Mappus wurde am 4. April 1966 in Pforzheim geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Er war Ministerpräsiden einer Koalition aus CDU und FDP/DVP   vom 10. Februar 2010 bis zum 12. Mai 2011.

Beruflicher Werdegang

Nach dem Abitur begann Stefan Mappus zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann in Pforzheim, die er 1987 abschloss. 1988 nahm er sein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Hohenheim auf. Nach seinem Abschluss 1993 war er als Assistent am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft der Universität Hohenheim tätig. Zwischen 1995 und 1998 arbeitete Mappus bei der Siemens AG in Stuttgart im Bereich Vertrieb von Telekommunikationsanlagen.

Politische Laufbahn

1983 trat Stefan Mappus in die Junge Union ein. Zwischen 1988 und 1990 war er Kreisvorsitzender der Jungen Union Enzheim/Pforzheim und von 1989 bis 1995 Mitglied des Gemeinderats Mühlacker. 1989 wurde Mappus zudem Mitglied des Landesvorstands der Jungen Union Baden-Württemberg. Zwischen 1993 und 1995 war er Ortsverbandsvorsitzender der CDU Enzberg und seit 1994 Kreisvorsitzender der CDU Enzkreis/Pforzheim. 1996 wurde er in den baden-württembergischen Landtag gewählt. Von 1998 bis 2004 hatte er das Amt des Staatssekretärs inne und 2004 bis 2005 leitete er das Ministerium für Umwelt und Verkehr.

Zwischen 2005 und 2010 war Stefan Mappus Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag von Baden Württemberg und von 2005 bis 2009 stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Baden-Württemberg. Im November 2009 wurde Stefan Mappus zum Landesvorsitzenden der CDU Baden-Württemberg gewählt. Nach der Ernennung seines Vorgängers Günther Oettinger zum EU-Kommissar wurde Stefan Mappus am 10. Februar 2010 der neue Regierungschef Baden-Württembergs, sein Amt als Fraktionsvorsitzender der CDU ging an Peter Hauk.

Bei der Landtagswahl am 27. März 2011 wurde die CDU-FDP-Koalition abgewählt und Stefan Mappus verlor sein Amt nach nur 15 Monaten Amtszeit.

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Ludwig Marum (1882-1934)

Als jüdischstämmiger Rechtsanwalt, herausragender Parlamentarier, Repräsentant der badischen Arbeiterbewegung und entschiedener Gegner des NS-Regimes zählt Ludwig Marum zu den markantesten Figuren der südwestdeutschen Demokratiegeschichte. Er wurde in der Folge seiner öffentlichen Kritik an Hitler im Konzentrationslager Kislau interniert und opferte sein Leben für seine demokratisch-rechtsstaatliche Gesinnung. Aus der Gefangenschaft hinterließ er seiner Frau die für seine unnachgiebige Haltung charakteristischen Zeilen: „Meine Freiheit können sie mir nehmen, aber nicht meine Würde und meinen Stolz.“ 

Ludwig Marum wurde am 5. November 1882 in Frankenthal (Pfalz) geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter gemeinsam mit den beiden Kindern zu Verwandten nach Bruchsal. Von seinem Onkel finanziell unterstützt, konnte Marum ein Jurastudium absolvieren und sich als Rechtsanwalt in Karlsruhe niederlassen. Angesichts antisemitischer Anfeindungen früh politisiert, trat er in jungen Jahren der badischen SPD bei und engagierte sich immer wieder ehrenamtlich für mittellose Klienten.

Anfänglich noch Stadtverordneter in Karlsruhe, wurde Marum bereits 1914 in die zweite Kammer des Badischen Landtags gewählt und avancierte zum Vorsprecher der seit 1917 zunehmenden Forderungen nach demokratischen Verfassungsreformen.

Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Nach Ausbruch der Novemberrevolution von 1918 leistete Marum als Justizminister der provisorischen Landesregierung einen maßgeblichen Beitrag zur Durchsetzung der republikanischen Ordnung in Baden und zählte auch im weiteren Verlauf der Weimarer Republik als Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion zu den führenden badischen Landespolitikern. Inhaltlich setzte er sich für demokratische und rechtsstaatliche Ideale, eine politische Kultur des Ausgleichs und Gleichberechtigung ein. Obwohl er die religiöse Bindung an das Judentum früh abgelegt hatte, bekannte er sich wiederholt zu seinen jüdischen Wurzeln und bekämpfte antisemitische Strömungen.

1928 zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein und wandte sich wiederholt gegen die aufsteigende nationalsozialistische Bewegung. Nachdem er die Regierung Hitlers im März 1933 in einer öffentlichen Wahlkampfrede besonders scharf attackiert hatte, wurde er unter Brechung seiner parlamentarischen Immunität in Schutzhaft genommen und einige Wochen später im Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal interniert. Bis zuletzt auf die Geltung rechtsstaatlicher Normen vertrauend, schlug Marum eine mögliche Chance zur Flucht als verantwortungslos aus und wurde am 29. März 1934 in seiner Zelle ermordet.

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Gebhard Müller (1900-1990)

Gebhard Müller wurde am 17. April 1900 in Füramoos in Oberschwaben geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg absolvierte er ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaft in Tübingen. Im Anschluss an seine Referendariatszeit übernahm er Aufgaben in der Diözese Rottenburg und war in wechselnden Positionen als Richter tätig.

Sparsamkeit, Frömmigkeit und Bodenständigkeit, Pflichtbewusstsein, Gründlichkeit und Integrität waren die Charakterzüge des Oberschwaben. Charakterisiert wurde er kurz und knapp als Christ, Jurist und Politiker. Theodor Eschenburg nannte ihn treffend den „ersten Beamten des Landes“ und charakterisierte damit das Amtsethos Müllers. Müller prägte den Aufbau der staatsrechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen des jungen Landes. Seine Aufgabe sah er als „gerechter Makler“ in der Integration der Landesteile.

Als zweiter Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern, zweiter Ministerpräsident von Baden-Württemberg und langjähriger Präsident des Bundesverfassungsgerichts hat Gebhard Müller nicht nur einen maßgeblichen Beitrag zur Gründung und Entwicklung Baden-Württembergs geleistet, sondern auch wegweisenden Einfluss auf die konkrete Auslegung des deutschen Grundgesetzes genommen. Als überzeugter Katholik hatte er sich bereits zur Zeit der Weimarer Republik in der Zentrumspartei engagiert und nach 1945 zu den Mitbegründern der CDU in Württemberg-Hohenzollern gehört. In seiner ersten Rede als Präsident des Bundesverfassungsgerichts stellte er sein Wirken unter die für sein Handeln kennzeichnende Einsicht: „Je älter wir an Jahren und je reicher wir an Erfahrungen werden, desto mehr kommen uns Zweifel, ob und wie es möglich ist, Wahrheit und Gerechtigkeit im Einzelfall zu finden. […] Dieses Dilemma können wir nur mit innerer Bescheidenheit, mit Gewissenhaftigkeit, aber auch mit dem Mut zur Entscheidung lösen.“

Politisches Wirken während und nach dem Zweiten Weltkrieg

Trotz seiner staatlichen Ämter während der NS-Zeit distanzierte sich Müller in seinem Handeln nachdrücklich von der nationalsozialistischen Politik: So zeigte er etwa als Bereitschaftsrichter im Jahre 1938 nach der sog. Reichskristallnacht den Göppinger Landrat wegen unterlassener Hilfeleistung an. Dieser hatte es abgelehnt, die in Brand gesetzte Göppinger Synagoge durch den Einsatz der Feuerwehr löschen zu lassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Müller von den Besatzungsmächten mit dem Wiederaufbau des württembergischen Justizwesens betraut. Von 1953 bis 1958 war er Ministerpräsident einer Allparteienregierung aus CDU, SPD, FDP/DVP und BHE. Gemeinsam mit Reinhold Maier und Kurt Georg Kiesinger zählte er zu den wichtigsten Vorkämpfern eines vereinigten Südweststaates. 

Am 11. November 1953 verabschiedete die Landesversammlung in seiner Amtszeit die Verfassung Baden-Württembergs und schloss damit die Arbeit der Verfassunggebung ab. Mit der Regelung der Lehrerbildung wurden auch wichtige Fragen der Kulturpolitik gelöst. Der Allparteienkoalition war es unter Müller durch überwiegend als gerecht empfundene Kompromisslösungen gelungen, mit Weichenstellungen vom Grundsatz her ein „Staatsgefühl“ im neuen Land zu schaffen. Als Müller das junge Bundesland auf dem besten Wege sah, folgte er 1958 dem bereits mehrmals erfolgten Ruf in das Amt des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts nach Karlsruhe.

Gebhard Müller starb am 7. August 1990 in Stuttgart.

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Hermann Müller (1876-1931)

Als letzter parlamentarisch legitimierter Reichskanzler der Weimarer Republik zählte Hermann Müller zu den Schlüsselfiguren der Weimarer Zeit: Er brachte die revolutionäre Rätebewegung auf einen friedlich-parlamentarischen Kurs, unterzeichnete als Reichsaußenminister den Friedensvertrag von Versailles, lenkte als Reichskanzler zwei Kabinette durch Krisenzeiten und brachte mit dem Young-Plan die endgültige Regelung der Reparationszahlungen auf den Weg. Zu Beginn seiner zweiten Kanzlerschaft schrieb er – im immer noch optimistischen Glauben an die Kraft der demokratischen Entwicklung: „Wir stehen am Beginn des neuen Weges in dem festen Vertrauen, daß es der rechte Weg ist und daß er nach oben führt.“ 

Hermann Müller wurde am 18. Mai 1876 in Mannheim geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre wurde er Gewerkschaftsmitglied und trat in die SPD ein. Einige Jahre später erhielt er eine Anstellung als Redakteur der sozialdemokratischen »Görlitzer Volkszeitung«, wurde in Görlitz auch Stadtverordneter, und schließlich hauptamtliches Mitglied im Reichsvorstand der SPD. Aufgrund seiner Fremdsprachkenntnisse wandte er sich den internationalen Parteikontakten zu – und versuchte in dieser Funktion während des Ersten Weltkrieges noch mehrfach, gemeinsame Friedensresolutionen mit den europäischen Schwesterparteien der SPD auszuloten.

Politisches Wirken im Reichstag

1916 zog Müller in den Reichstag ein, wo er sich angesichts der zunehmenden Spaltung seiner Partei für eine Politik des Ausgleichs stark machte. Nach der revolutionären Umbruchsphase der Nachkriegszeit wurde er gemeinsam mit Otto Wels zum Reichsvorsitzenden der SPD gewählt. Er gehörte der Nationalversammlung, später auch dem Weimarer Reichstag an. Im Zeichen der in Deutschland mit Empörung aufgenommenen Friedensbedingungen übernahm Müller den ebenso undankbaren wie gemiedenen Posten des Reichsaußenministers und unterschrieb in dieser Funktion den Versailler Vertrag. In der Folge der Erschütterungen des Kapp-Lüttwitz-Putsches stellte er sich im März 1920 als Reichskanzler einer schwierigen Übergangsregierung zur Verfügung. Knapp acht Jahre später wurde er nach mühsamen Koalitionsverhandlungen zum zweiten Mal Kanzler – und erreichte mit großer Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick nicht nur die vorzeitige Räumung des Rheinlandes, sondern auch eine endgültige Regelung der Reparationsfrage. Nachdem seine Regierung trotz dieser außenpolitischen Erfolge durch innenpolische Koalitionskrisen auseinander gefallen war, trat er im Frühjahr 1930 als Reichskanzler zurück.

In den folgenden Monaten gehörte Müller weiter dem Reichstag an und rief seine Fraktion dazu auf, das Präsidialkabinett Brünings zur Verhinderung schlimmeren Übels zu tolerieren, bevor er am 21. März 1931 an den Folgen einer Gallenoperation starb.

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Günther Oettinger (1953)

Günther Oettinger wurde am 15. Oktober 1953 in Stuttgart geboren. Von April 2005 bis Februar 2010 war er Ministerpräsident Baden-Württembergs in einer Koalition aus CDU und FDP/DVP.

Ähnlich wie Lothar Spät wurde Oettinger in der Öffentlichkeit als jemand wahrgenommen, der "ständig unterwegs" ist, er setzte sich parallel für verschiedenste Projekte und Vorhaben ein.

In der Bildungspolitik setzte Oettinger 2005 die Einführung von Studiengebühren an Hochschulen und Berufsakademien durch und war ein Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems, unter Voraussetzung der guten Durchlässigkeit zwischen den Schulformen.

Immer wieder hatte Oettinger durch seine Äußerungen öffentliche Kontroversen ausgelöst, unter anderem durch seine Grabrede für Hans Filbinger 2007, in der er die Existenz eines Filbinger-Urteils geleugnet hatte. Damals wurden von verschiedenen Seiten starke Kritik und Rücktrittsforderungen laut.

Nach seiner Ernennung zum EU-Kommissar für Energie legte Günther Oettinger im Februar 2010 sein Amt als Ministerpräsident Baden-Württembergs nieder, um das Amt in der EU wahrnehmen zu können.

Dossier Günther Oettinger

Günther H. Oettinger - Ministerpräsident von Baden-Württemberg
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Friedrich Payer (1847-1931)

„Auch das Abgeordneter sein muß gelernt sein, und nicht das leichteste dabei ist die Notwendigkeit, sich dem Mehrheitswillen loyal zu unterwerfen.“  Diese Worte Friedrich Payers zeichnen ein charakteristisches Bild des eingefleischten und lösungsorientierten Volksvertreters, der angesichts seines wiederholt unter Beweis gestellten Willens zum ausgleichenden Verhandeln großes parlamentarisches Ansehen genoss. Als Vertreter einer betont antimilitaristischen und demokratisch-oppositionellen Position kämpfte er zeitlebens für den Erhalt und Ausbau der parlamentarischen Macht.

Friedrich (von) Payer wurde am 12. Juni 1847 in Tübingen geboren. Als junger Stipendiat legte er sein Abitur auf dem evangelisch-theologischen Seminar in Blaubeuren ab, wahrte aber stets eine kritische Distanz zur Kirche. Nachdem er sich schon in jungen Jahren zur liberal-demokratischen Opposition bekannt hatte, studierte er ab 1865 Rechtswissenschaften in Tübingen und engagierte sich seit 1868 im Rahmen der Demokratischen Volkspartei Württembergs offen in der Politik.

Anfang der 1870er Jahre ließ er sich als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder. Mit seiner Kanzlei war er in der Folgezeit so erfolgreich, dass er sich ohne finanzielle Sorgen seiner politischen Leidenschaft widmen konnte. Nachdem er sich zunächst 1873 vergeblich um ein Mandat beworben hatte, zog er 1877 in den Reichstag ein – und gehörte diesem mit kleineren Unterbrechungen bis zum Ende des Kaiserreiches an.

Politisches Wirken

Erst Mitte der 1890er Jahre fasste er auch im württembergischen Landtag fuß – wurde dann aber gleich mehrmals in Folge zum Landtagspräsidenten gewählt und tat sich im Kampf um eine grundlegende Reform der württembergischen Landesverfassung hervor.

Im Ersten Weltkrieg war er als Fraktionsführer der Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag ein entschiedener Vertreter der Demokratisierung der Reichsverfassung und setzte sich für einen Verhandlungsfrieden mit den Westmächten ein. Gegen Ende des Krieges avancierte Friedrich Payer zum Vizekanzler des Deutschen Reiches. Das Amt des Reichskanzlers, das Kaiser Wilhelm II. an ihn herantrug, lehnte er jedoch ab.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Payer als Fraktionsvorsitzender der DDP in der Weimarer Nationalversammlung maßgeblich an der Ausarbeitung der Weimarer Verfassung beteiligt. Danach zog er sich, über 70jährig, aus der aktiven Politik zurück.

Er starb am 14. Juli 1931 in Stuttgart.

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Mathilde Planck (1861-1955)

Angesichts ihres vielfältigen politischen, sozialen und kulturellen Engagements zählt Mathilde Plank zu den bedeutendsten südwestdeutschen Frauenrechtlerinnen. Sie war eine der ersten weiblichen Abgeordneten im württembergischen Landtag und tat sich auch jenseits der Politik als Lehrerin, Journalistin und Vereinsgründerin hervor. Ihre bodenständige Bescheidenheit und Entschlossenheit verband sich mit dem „Glaube[n] an das Gute“ als einer Kraft, „die Schwache mächtig werden lässt“ und „in treuem, zähem Schaffen und Wirken neue Zeiten vorbereiten kann.“

Mathilde Plank wurde am 29. November 1861 in Ulm geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters stellte sie ihre berufliche Ausbildung zunächst zugunsten ihrer Familie zurück: Gerade 18 Jahre alt geworden, unterstützte sie ihre pflegebedürftige Mutter und umsorgte sie ihre jüngeren Geschwister, bevor sie erst einige Jahre später eine Lehrerinnenausbildung absolvierte.

Einsatz für die Frauenrechte

In der Folge trug sie mit ihrem Engagement in der Frauenbewegung und ihrer praktischen Arbeit im Schuldienst maßgeblich zur Öffnung des Bildungssystems für Mädchen und Frauen bei: Als Lehrerin – und seit 1901 auch Direktorin – des 1. Württembergischen Mädchengymnasiums begleitete sie einige der ersten Schülerinnen, die in Württemberg das Abitur ablegten.

Nach 15 Jahren im Schuldienst begann Mathilde Plank, sich ganz auf den öffentlichen Kampf für Gleichberechtigung zu konzentrieren: Sie war in mehreren Frauenvereinen aktiv, veröffentlichte Aufsätze und hielt Vorträge. Zudem setzte sie ein besonderes Zeichen für den Frieden, als sie – entgegen aller zeitgenössischen Kriegseuphorie – Kaiser Wilhelm II. noch Anfang August 1914 in einem Telegramm dazu aufforderte, jede kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges ergriff Mathilde Plank, mittlerweile fast 60jährig, das neu erkämpfte Frauenwahlrecht der Weimarer Republik als Chance zur aktiven politischen Mitgestaltung. Sie wurde in die Verfassungsgebende Landesversammlung Württembergs gewählt und gehörte bis zum Ende der 1920er Jahre als Abgeordnete der DDP dem württembergischen Landtag an. Zudem errichtete sie eines der ersten modernen Altenheime in Ludwigsburg und hatte entscheidenden Anteil an der Gründung der ersten deutschen Bausparkassen (GdF Wüstenrot).

In Anerkennung ihres vielfältigen Engagements wurde Mathilde Plank wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges als erste Frau in Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie starb im Juli 1955 in Gochsen.

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Karl von Rotteck (1775-1840)

Karl von Rotteck war nicht nur vielseitig begabter Historiker und Staatswissenschaftler, sondern auch ein einflussreicher Wegbereiter freiheitlicher politischer Gesinnung in Baden: Er engagierte sich für die bundesstaatliche Zukunft Deutschlands, als diese angesichts der zeitgenössischen Vielzahl und Rivalität deutscher Staaten noch in weiter Ferne lag. In der revolutionären Umbruchszeit zwischen Revolution und Restauration kämpfte er zudem für Freiheit und Recht – und postulierte frühe Forderungen nach freien Wahlen: „Es lebe die Wahlfreiheit! Und es lebe der politische Verstand und der patriotische Muth, der dieselbe ehrt und vertheidigt!“

Karl von Rotteck wurde am 18. Juli 1775 in Freiburg im Breisgau geboren. Als promovierter Rechtswissenschaftler nahm er anfänglich eine Tätigkeit in der Mannheimer Stadtverwaltung auf, bewarb sich aber kurz darauf erfolgreich auf die Freiburger Professur für Weltgeschichte.

Vom Gedankengut der Aufklärung geprägt, hatte Rotteck die Ideale der Französischen Revolution unterstützt und begrüßt, gleichzeitig aber auch deren spätere Ausartung in Terror und Gewalt abgelehnt. Nach dem Einfall französischer Truppen in seine Heimat wurde er zunehmend politisch aktiv; die 1806 vollzogene Eingliederung des Breisgaus in das Großherzogtum Baden begriff er als eine Chance zur Liberalisierung.

Politische Aktivität

Nach den Wirren der Napoleonischen Kriege wirkte er an der liberalen badischen Verfassung von 1818 mit. Als Vertreter der Universität Freiburg (zwischenzeitlich war er auf eine Professor für Staatswissenschaften gewechselt) nahm er in der Folgezeit an den Beratungen der ersten Kammer der neu eingerichteten Landstände teil – und forderte dort neben der Herstellung der Pressefreiheit unter anderem auch die vollständige Aufhebung von Fronden. Seine liberalen Forderungen brachten ihn rasch mit Vertretern des Adels, nicht zuletzt aber auch der Regierung in Konflikt: Lange Zeit von Regierungsseite in seinen politischen Bemühungen behindert, gelang ihm erst mit dem Regierungsantritt des liberalen Großherzogs Leopold (1831) der Einzug ins gewählte badische Parlament.

Mit seiner 1832 ins Leben gerufenen Zeitschrift »Der Freisinnige« versuchte er zudem, seinen liberalen Ideen und Vorschlägen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. In Reaktion auf die ersten Ausgaben des (schnell verbotenen) Blattes wurde ihm wenig später auch seine Professur entzogen. Er gewann daraufhin zwar die Freiburger Bürgermeisterwahl, verzichtete aber schließlich auf das Amt, als die Regierung mit Konsequenzen drohte, falls die Stadt Rotteck faktisch als Bürgermeister anerkennen würde.

Er starb am 26. November 1840 in Freiburg.

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Carlo Schmid (1896-1979)

Als einer der zentralen Organisatoren des politischen Neubeginns nach 1945 hat Carlo Schmid nicht nur maßgeblichen Einfluss auf die Ausarbeitung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland genommen, sondern auch den kulturellen und demokratischen Wiederaufbau auf landespolitischer Ebene in entscheidender Weise mitbestimmt. Unter dem Eindruck der ernüchternden Erfahrungen zweier Weltkriege wurde er zu einem Vorreiter deutsch-französischer Aussöhnungs-bemühungen und bekennenden Verfechter der europäischen Einigung.

In mahnender Erinnerung an die nationalsozialistische Machtübernahme postulierte er in einer Grundsatzrede von 1948 die bis heute wertvolle Einsicht: „Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“

Carlo Schmid wurde am 3. Dezember 1896 in Perpignan (Südfrankreich) als Sohn eines französisch-deutschen Lehrerpaares geboren. Aufgewachsen ist er nach einem frühen Umzug der Familie jedoch im Raum Stuttgart, der Heimat seines Vaters.

Kulturelles und politisches Engagement

Im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn war er zunächst als Rechtsanwalt, Richter und Referent tätig, bevor er im Nachfeld des Zweiten Weltkrieges in Anbetracht seiner zweisprachigen Erziehung und seines ausgeprägten diplomatischen Gespürs zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des französischen Besatzungsgebiets avancierte: Von der französischen Militärverwaltung als Präsident des Staatssekretariats von Württemberg-Hohenzollern eingesetzt, leistete er einen bedeutenden Beitrag zum kulturellen Wiederaufbau.

Später wurde Schmid unter anderem Stellvertretender Staatspräsident und Justizminister von Württemberg-Hohenzollern, Professor für politische Wissenschaft und öffentliches Recht und Stellvertretender Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Als langjähriges Mitglied im Parteivorstand und Präsidium der SPD trug er zur Öffnung der sozialdemokratischen Partei für breitere Wählerschichten bei. Er gehörte der beratenden Versammlung des Europarates in Straßburg an, war Präsident der Versammlung der Westeuropäischen Union – und engagierte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1979 als Koordinator der deutsch-französischen Beziehungen.

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Sophie Scholl (1921-1943)

Am 9. Mai 1921 wurde Sophie Scholl im württembergischen Forchtenberg als Tochter des Bürgermeisters und dessen Frau geboren. Mit ihren vier Geschwistern wuchs sie im Elternhaus in Ulm auf, wo sie eine christlich-humanistische, für damalige Zeiten moderne Erziehung erfuhr. Diskussion, Hinterfragung und Religiosität prägten ihre Jugend.

Wie auch ihre älteren Geschwister war Sophie Scholl zunächst angetan von der nationalsozialistischen Vorstellung eines Gemeinschaftsideals. 1934 trat sie dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei und übernahm dort bald darauf leitende Funktionen. Da sowohl Sophie als auch ihre Geschwister gleichzeitig die Ideale der bündischen Jugend vertraten, kam es bald zu Konflikten bis hin zu einer kurzzeitigen Inhaftierung durch die Gestapo 1937. Durch diese Erlebnisse entwickelten Sophie und ihre Geschwister bald eine kritische Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime.

1940 begann Sophie Scholl eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und hoffte, so dem Reichsarbeitsdienst zu entgehen. Die Hoffnung wurde jedoch nicht erfüllt, und so konnte sie erst nach ihrer Feldarbeit 1942 das Studium der Philosophie und Biologie in München aufnehmen, wo auch ihr Bruder Hans studierte.

Mitarbeit in der Weißen Rose

Im Münchener Freundeskreis der Geschwister Scholl bildete sich die Abwehrhaltung gegen den Nationalsozialismus immer stärker heraus. Nachdem Hans von seinen Erlebnissen an der Russlandfront erzählte, schlossen sich die Geschwister der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose an, die in Flugschriften zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aufrief. Die schnelle Verbreitung des Flugblatts in vielen deutschen Städten zog eine intensive Fahndung nach den Urhebern nach sich.

Als Mitte Februar 1943 das sechste Blatt der Weißen Rose fertig gestellt wurde, in dem zur Errichtung eines „neuen geistigen Europa“ aufgerufen wurde, entdeckte der Hausmeister der Münchener Universität Sophie Scholl und ihren Bruder beim Verteilen der Flugblätter. Die Gestapo verhaftete daraufhin Sophie und Hans als auch Chrisoph Probst, ein weiteres Mitglied der Weißen Rose.  Nach einem dreitägigen Verhör wurden die drei am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und am selben Tag im Strafgefängnis München-Stadelheim durch das Fallbeil hingerichtet.

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Kurt Schumacher (1895-1952)

„Soziale Gesundheit und Stärke sind die Grundlage aller Freiheit und die Basis der Demokratie“  – mit diesem politischen Credo avancierte Kurt Schumacher im Nachfeld des Zweiten Weltkrieges zur treibenden Kraft hinter dem Neuaufbau der westdeutschen SPD. Als überzeugter Demokrat hatte er sich bereits zur Zeit der Weimarer Republik gegen totalitäre Strömungen zur Wehr gesetzt und den größten Teil der nationalsozialistischen Herrschaft in zermürbender Lagerhaft verbracht. Seine Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit der KPD prägte das Profil der westdeutschen Sozialdemokratie nach 1949 – und legte die Grundlage für die Entwicklung der SPD zu einer Volkspartei mit breiter demokratischer Basis. Als parlamentarischer Gegenspieler Konrad Adenauers prägte er einen durchaus kritischen, aber auch stets auf konstruktive Verbesserungsvorschläge ausgerichteten Stil der Oppositionsführung und etablierte damit ein Leitbild demokratischer Oppositionsarbeit.

Kurt Schumacher wurde am 13. Oktober 1895 als Sohn einer wohlhabenden Familie im westpreußischen Culm geboren. Schon in seiner Jugendzeit näherte er sich dem Sozialismus an. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges legte er das Notabitur ab – und zog als Freiwilliger in den Krieg. Früh verwundet, wurde er nach dem Verlust seines rechten Armes aus dem Kriegsdienst entlassen und nahm noch zu Kriegszeiten ein Studium der Rechtswissenschaft und Nationalökonomie auf.

Politisches Wirken in der SPD

Anfang 1918 trat er schließlich in die SPD ein und wurde – nach einer Zwischenphase im Reichsarbeitsministerium – als politischer Redakteur der »Schwäbischen Tagwacht« in Stuttgart angestellt. Vier Jahre später zog er als Abgeordneter in den württembergischen Landtag ein, 1930 debütierte er im Reichstag. Die Gefahr der immer stärker werdenden radikalen und republikfeindlichen Parteien auf der linken wie rechten Seite des politischen Spektrums erkannte er früh – und trat entschieden gegen sie ein. In der Folge seiner offenen Kritik an der NSDAP und ihrer totalitären Methoden wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und ab Sommer 1933 in wechselnden Konzentrationslagern interniert.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges avancierte er in seiner heute bekanntesten Lebensphase zu einem der prägenden Politiker der frühen Bundesrepublik. Von seinem Büro in Hannover aus initiierte er die Neuorganisation der SPD – und wurde 1946 zum Parteivorsitzenden der westdeutschen Besatzungszonen gewählt. Mit Gründung der Bundesrepublik wurde er zusätzlich Bundestagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender. Alle drei Funktionen behielt er, trotz schwerster körperlichen Behinderungen und lauter werdender parteiinterner Kritik an seinem rigorosen Führungsstil, bis zu seinem Tod am 20. August 1952 bei.

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Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1798-1845)

Als entschiedener Gegner der Zeit kleinstaatlicher Zersplitterung und restaurativer Politik, wie sie auf den Wiener Kongress von 1815 folgte, avancierte der aus Lahr im Schwarzwald stammende Jurist und politische Journalist Philipp Jakob Siebenpfeiffer zu einem Vorkämpfer der Idee eines geeinten und liberal-demokratischen Deutschlands. Er setzte sich für die Presse- und Meinungsfreiheit ein, gab liberal-oppositionelle Zeitungen heraus, war einer der Mitbegründer des »Deutschen Vaterlandsvereins zur Unterstützung der freien Presse« und rief als Mitinitiator und einer der Hauptredner des Hambacher Festes aus: „Hoch lebe das freie, das einige Deutschland! […] Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört!“

Philipp Jakob Siebenpfeiffer wurde am 12. November 1789 als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren und verlor schon als Kind beide Eltern. Im Anschluss an die Schulzeit fand er eine Anstellung als Verwaltungsassistent. Später wurde er in die Freiburger Finanzverwaltung versetzt und absolvierte – durch ein Stipendium unterstützt – ein Jura-Studium an der dortigen Universität. Auf seine Promotion folgte eine von zahlreichen Versetzungen geprägte Tätigkeit als Verwaltungsbeamter, bevor er 1818 zum königlich bayerischen Landkommissar des Kreises Homburg (dem heutigen Saarland) ernannt wurde.

Journalistisches Engagement

Mit fortschreitender Dienstdauer wich sein anfänglich harter Kurs einem wachsenden Engagement für die Nöte der Bevölkerung: Die Rheinpfalz war im Nachfeld des Wiener Kongresses an Bayern angegliedert worden und in der Folgezeit aufgrund von Missernten und wirtschaftlichen Krisen zusehends verarmt. Als Landeskommissar setzte sich Siebenpfeiffer für eine Verbesserung der sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse ein – und forderte die Regierung zu mehr Unterstützung auf. Als seine fachlichen Vorschläge unbeachtet blieben, verlegte er sich vermehrt auf kritisch-oppositionelle Forderungen und gab schließlich – mit dem Rückenwind der französischen Julirevolution – ab September 1930 die oppositionelle Zeitschrift »Rheinbayern« heraus. Daraufhin wurde er als Staatsdiener suspendiert, schlug eine ihm angebotene Versetzung aus und forcierte ganz im Gegenteil mit der Herausgabe einer zusätzlichen politischen Tageszeitung sein demokratisch-liberales Engagement.

Im Nachfeld des Hambacher Festes wurde Siebenpfeiffer festgenommen und wegen Hochverrats angeklagt. Von den Geschworenen freigesprochen, wurde er anschließend doch wegen Behördenbeleidigung zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Er konnte fliehen und entkam ins Schweizer Exil, wo er aber im Laufe der Zeit politisch zunehmend resignierte. Er starb am 14. Mai 1845 in einer Heilanstalt in Bümplitz nahe Bern.

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Lothar Späth (1937-2016)

Lothar Späth wurde am 16. November 1937 in Sigmaringen geboren.

Zwischen 1953 und 1958 wurde Späth im Verwaltungsdienst der Stadt Giengen an der Brenz und beim Landratsamt Bad Mergentheim ausgebildet. Ab 1960 arbeitete Späth in der Finanzverwaltung der Stadt Bietigheim. Von 1970 bis 1974 war er Geschäftsführer der Neuen Heimat in Stuttgart und Hamburg und bis 1977 auch im Vorstand bzw. Aufsichtsrat der Baufirma C. Baresel AG in Stuttgart.

1967 trat Späth der CDU bei und wurde 1968 auf Anhieb Landtagsabgeordneter in einem Ludwigsburger Wahlkreis. 1967 wurde er zum Bürgermeister der Stadt Bietigheim gewählt.

1972 wurde er Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg. 1978 wurde er zum Innenminister ernannt.

Als Ministerpräsident Hans Filbinger wegen seiner NS-Verstrickung nicht mehr zu halten war, wurde Späth am 30. August 1978 vom Landtag mit klarer Mehrheit zum Nachfolger gewählt.
Lothar Späth war von 1978 bis 1991 Ministerpräsident einer CDU-Alleinregierung.

Ruhelos, kreativ und pragmatisch, wie er wahrgenommen wurde, erhielt der gebürtige Sigmaringer Lothar Späth als Visionär und Modernisierer in Politik und Wirtschaft rasch den Spitznamen „Cleverle“. Die Bilanz der Vielzahl von Projekten, die er im Land initiierte, ist trotz mancher Idee, die scheiterte, und trotz manches Plans, der liegen blieb, durchaus positiv.

Am Ende seiner Amtszeit galt er als „Motor des Kulturbetriebs“, der immer wieder die Verantwortung des Staates als Mäzen herausstellte, und als Förderer der Wirtschaft sowie der Forschungs- und Technologiepolitik.

Einer der Eckpunkte der Regierung Späth war das 1985 verabschiedete Landesmediengesetz und damit die Privatisierung und Liberalisierung der Rundfunklandschaft.

Ein weiteres Großprojekt – die Fusion von Süddeutschem Rundfunk und Südwestfunk – konnte der Politiker nicht mehr verwirklichen. Auch „nach außen“ ging Späth neue Wege und setzte Akzente in der Europapolitik. Er initiierte einen grenzüberschreitenden Kooperationsverbund Baden-Württembergs mit der französischen Region Rhône-Alpes, der norditalienischen Region Lombardei und der spanischen Provinz Katalonien und unterstützte so grenzüberschreitende Pläne der Wirtschaft.

1991 musste er wegen Vorwürfen der Verquickung seines Amtes mit privaten und Parteiinteressen zurücktreten („Traumschiffaffäre“).

Nach seiner politischen Karriere ging Lothar Späth in die Wirtschaft. Im Juni 1991 wurde er Geschäftsführer der Jenoptik GmbH in Jena, der Rechtsnachfolgerin des VEB Carl Zeiss Jena. 1996 wurde Späth Präsident der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen in Gera. 2007 bis April 2013 war er Aufsichtsratsvorsitzender der J&M Management Consulting AG mit Sitz in Mannheim. 

Am 18. März 2016 starb Späth im Alter von 78 Jahren in Stuttgart.

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Erwin Teufel

Geboren am 4. September 1939 in Rottweil.

Erwin Teufel war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Von 1992 bis 1996 war er Chef einer Großen Koalition, von 1996 bis 2005 führte er eine Koalition aus CDU und FDP/DVP. Der Verwaltungsfachmann war 1992 gezwungen, die ungeliebte Große Koalition einzugehen. Mit großen Einsparanstrengungen versuchte er, die Neuverschuldung zu reduzieren und das Land angesichts der Globalisierung neu zu positionieren. Dazu gehörten große Infrastrukturmaßnahmen wie der Ausbau des Stuttgarter Flughafens. Weitere Projekte wurden angegangen, um wettbewerbsfähige  Strukturen zu schaffen und die Kräfte des Landes zu bündeln.

In der Amtszeit Teufels kam es zur Fusion der zuvor regionalen Energieversorger zur EnBW und zur Fusion der beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten SDR und SWF zum Südwestrundfunk (SWR).

Mit der im Januar 2005 in Kraft getretenen Verwaltungsreform und mit Strukturmaßnahmen in der Wirtschafts- und Bildungspolitik setzte Teufel weitere Akzente. Er engagierte sich stark in der Europapolitik und vertrat die deutschen Länder im EU-Verfassungskonvent. Stetigkeit, Beharrungsvermögen und Prinzipientreue, ein hohes Arbeitspensum, Detailkenntnis und der direkte Kontakt zu den Menschen zeichneten die Regierungsarbeit von Erwin Teufel aus. Er war der bislang am längsten amtierende Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

Dossier Erwin Teufel

Ministerpräsident Erwin Teufel verabschiedet sich nach 14 Jahren Amtszeit.
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Leo Wohleb (1888-1955)

Bis heute ist Leo Wohleb eine umstrittene Persönlichkeit in der politischen Geschichte Baden-Württembergs. Als Staatspräsident und Minister Badens war er der bekannteste Gegner der Gründung eines Südweststaates. Gleichzeitig setzte er sich für den Föderalismus und die europäische Einigung ein und war an der Gründung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt.

Leo Wohleb wurde 1888 in Freiburg im Breisgau als Sohn eines Buchhalters geboren, der ihn im katholischen Glauben erzog. Nach dem Abitur studierte Wohleb zunächst Archäologie, Bibelforschung und Patrologie, später wechselte er jedoch die Laufbahn und wurde Lehrer für Griechisch, Latein und Germanistik in Bruchsal. Wohleb galt als einer der Honoratioren der Stadt. Er engagierte sich ehrenamtlich in Vereinen, verfasste wissenschaftliche Abhandlungen und wurde Mitglied der Paneuropa-Bewegung.

1931 übernahm Leo Wohleb die Stelle als Referent für Alte Sprachen im badischen Kultusministerium an. Nachdem die Nationalsozialisten jedoch die Regierungsgewalt in Baden übernommen hatten, wurde er zunächst beurlaubt und anschließend suspendiert. Trotz seiner anfänglichen Vorsicht in Bezug auf politische Meinungsäußerungen wurde Wohleb von der NSDAP skeptisch beobachtet, da er kein Mitglied der Partei war. Später äußerte er sich auch im Unterricht mitunter regimekritisch.

Einsatz für die badische Identität

Nach 1945 war Leo Wohleb zunächst in der badischen Kultusverwaltung in Karlsruhe, später in Freiburg tätig. Dort beteiligte er sich im selben Jahr an der Gründung der Badischen Christlich-Sozialen Volkspartei (BCSV), die später zur CDU Baden werden sollte. 1947 wurde Leo Wohleb zum badischen Staatspräsidenten gewählt. In dieser Funktion bemühte er sich um eine friedliche, kompromissbereite Zusammenarbeit mit der französischen Besatzungsmacht, und setzte sich vor allem für badisch-heimatliche Traditionspflege ein.

Insgesamt war Leo Wohlebs Politik geprägt von dem Streben nach Harmonie und Konsens. Dies traf jedoch nicht auf  die Südweststaat-Frage zu. Wohleb verfolgte eine Wiederherstellung des Landes Baden in den Grenzen von 1933 und stellte sich damit entschieden gegen die Entwürfe eines vereinten Südweststaates. Als die Gründung dieses gemeinsamen Staates schließlich beschlossen wurde, musste Wohleb eine schwere Enttäuschung hinnehmen.

Nach Ende seiner Amtszeit als Staatspräsident und Kultusminister 1952 wurde er von Konrad Adenauer als Erster Gesandter der Bundesrepublik in Portugal ernannt.

Leo Wohleb starb 1955 in Frankfurt am Main.

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