Landeskunde Baden-Württemberg

 

Aus „Schwaben“ werden Donauschwaben

In  einem  mehrere  Generationen  umfassenden  Eingliederungsprozess – er fand später in dem Spruch „Dem ersten den Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot“ einen sowohl  einprägsamen  wie  verklärenden  Ausdruck  –  entwickelten  die  Siedler  unterschiedlicher  Herkunft,  Konfession und  Dialektzugehörigkeit  in  den  einzelnen  Ansiedlungsgebieten bäuerlich geprägte regionale Identitäten. Als „pars pro toto“  setzte  sich  nach  und  nach  der  Begriff  „Schwaben“  für alle Neusiedler und deren Nachkommen durch, auch wenn „schwäbische“  Auswanderer  keineswegs  die  Mehrheit  gebildet hatten. „Schwaben“ bürgerte sich sowohl als Selbst- als auch als Fremdbezeichnung ein: ungarisch „sváb“, rumänisch „şvab“, serbokroatisch „švaba“.

Eine die Regionalismen überwölbende Gruppenidentität entwickelten die Einwanderer nicht. Neben  dem  Fehlen  eines  geschlossenen  Siedlungsgebietes trugen die ungarischen Assimilationspolitik seit der zweiten  Hälfte des 19. Jahrhunderts und insbesondere der Ausgang des  Ersten  Weltkrieges  entscheidend  dazu  bei.  Bis  dahin einem  Staatsgebiet  zugehörig  –  dem  Ungarischen  Königreich innerhalb der k. u. k.-Monarchie –, wurden die „Schwaben“ als Folge der neuen Grenzziehungen in Südosteuropa jetzt Bürger Ungarns, Rumäniens und des Königreichs der Serben,  Kroaten  und  Slowenen,  des  späteren  Jugoslawien. Trotz  des  garantieren  Minderheitenschutzes  waren  sie  wie die anderen Minderheiten den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen dieser Nationalstaaten ausgesetzt, die einen möglichst homogenen, vom Staatsvolk dominierten Staat zum Ziel hatten.

Dieser  Differenzierung  auf  nationalstaatlicher  Grundlage konnten  auch  alle  Bemühungen,  die  „schwäbischen“  Minderheiten wenn nicht als eine politische, so doch als eine sich aus der „gemeinsamen Migrationsgeschichte“ und der Bin- dung  an  das  „Herkunftsgebiet  der  Ahnen“  speisenden  kulturellen Einheit wahrzunehmen, nicht entgegenwirken. Sie waren  sowohl  bei  den  jeweiligen  Minderheiten  selbst,  als auch in der Weimarer Republik wirksam. Der im Banat geborene Maler Stefan Jäger (1877–1962) schuf 1910 als Auftragsarbeit  einer  Banater  Gemeinde  das  großformatige  Tryptichon „Die Einwanderung der Schwaben“. Mit den drei Teilen „Wanderung, Rast und Ankunft“ lieferte Jäger den Prototyp für das sich nun herausbildende verklärende Bild einer einheitlichen, geschlossenen, wesentlich mit Ulm verbundenen Auswanderungs-  und  Ansiedlungsgeschichte  der  Schwaben  in Südosteuropa.