Landeskunde Baden-Württemberg

 

"Donauschwaben" - ein rein wissenschaftlicher Begriff?

Das  literarische  Pendant  dazu  stammt  aus  der  Feder  des Schriftstellers,  Journalisten,  Theaterdirektors  und  ambitionierten  Politikers  Adam  Müller-Guttenbrunn  (1852–1923). Karriere  machte  der  im  Banat  geborene  Müller-Guttenbrunn zunächst in Wien, wo er in der Endphase des Ersten Weltkriegs  vom  „Großösterreicher“  zum  „Großdeutschen“ mutierte. Eine Reise 1907 ins Banat gab den Anstoß zu einer Reihe von Heimatromanen, in denen die „schwäbische“ Minderheit Ungarns im Mittelpunkt steht. Große Wirksamkeit erzielte  sein  erstmals  1913  in  Leipzig  erschienener  Roman „Der große Schwabenzug“. Der Roman ließ das Bild von den „Schwabenzügen“ ebenso zu einem Topos werden wie jenes von  der  Wertbeständigkeit  und  Leistungsbezogenheit  der „schwäbischen“ Siedler. Sie prägten das Geschichtsbild ganzer Generationen.

Dem Hervorheben der neuzeitlichen  Migrationsgeschichte und damit der Verbindungen zum „deutschen  Mutterland“ bei den deutschen Minderheiten in Südosteuropa entsprach in der Zwischenkriegszeit die Entdeckung auch dieser Auslandsdeutschen in Deutschland. Bezeichnend dafür waren die Ansiedlungsfeiern in zahlreichen „schwäbischen“ Orten in Rumänien, Jugoslawien und Ungarn, an denen auch Gäste aus den Herkunftsorten der Siedler des 18. Jahrhunderts teilnahmen. Hinzu kamen die Konjunktur, die die  genealogische Forschung hüben und drüben erfuhr, Besuche von Stu- dentengruppen aus Deutschland in den „schwäbischen“ Siedlungsgebieten,  die verstärkten Aktivitäten des Vereins für das Deutschtum im Ausland und des Deutschen Auslandsinstituts mit Sitz in Stuttgart.

Symptomatisch für die „Entdeckung“ der „Schwaben“ in Südosteuropa war auch der 1922 in der deutschen Südosteuropageografie eingeführte Begriff „Donauschwaben“. Er bezog alle „schwäbischen Siedler“ und deren  Nachkommen am mittleren Lauf der Donau in den drei Nachfolgestaaten mit ein. Damit wurde die faktisch nicht vorhandene historische und kulturelle Einheit der „schwäbischen“ Siedlungsgebiete unterstrichen. Als Begriff der Wissenschaft eingeführt, setzte sich „Donauschwaben“ zunächst weder als Selbstbezeichnung noch als Fremdbezeichnung durch.