Landeskunde Baden-Württemberg

 

Sogwirkung des Ansiedlungsgebietes

Solchen Überlegungen folgend wurde unter Kaiser Karl VI. in  den  Erbländern  und  Reichsgebieten  des  Heiligen  Römischen  Reiches  für  die  Ansiedlung  geworben.  Öffentliche Aufrufe,  begleitet  von  eigens  beauftragten  Werbern,  erfolgten auch unter der Regentschaft der Kaiserin Maria Theresia und ihres Nachfolgers Joseph II. Zunächst fast ausschließlich für Siedler katholischen Glaubens bestimmt, waren die Werbungen mit weitreichenden Vergünstigungen verbunden: Finanzierung  der  Reisekosten  ins  Ansiedlungsgebiet,  Bau eines Hauses, Zuteilung von Ackerboden, Vieh sowie landwirtschaftlichen Geräten, die Ausstattung von Handwerkern, Steuerfreiheit für mehre Jahre und die zeitweilige Befreiung vom Militärdienst.

Zu  der  so  erzeugten  Sogwirkung  des  Ansiedlungsgebietes kam  ein  weiteres  Bündel  von  Ursachen  in  den  Herkunftsgebieten  der  potenziellen  Siedler  hinzu,  welches  tausende Menschen veranlasste, nach Ungarn aufzubrechen. Es speiste sich,  je  nach  Territorium  und  Zeit,  aus  unterschiedlichen Quellen:  Sowohl  religiöse  als  auch  politische,  soziale  und wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle. Dabei zählten die materielle Not, verursacht durch Kriege, hohe Abgabenlasten sowie  Ernteausfälle  auch  im  deutschen  Südwesten  mit  zu  den Hauptursachen für den Entschluss, „in das Ungarland“ auszuwandern. Mit den Worten des Zimmermanns Martin Bosch  von  1771:  „Weillen  mich  mit  meinem  Weib  und  Kind mit meiner Zimmermanns Profession bey dermaligen  theiren  Zeiten  nimmermehr  zu  ernehren  waiß.“  Die  den Siedlern  angebotenen  Vergünstigungen  und  die  Bedingungen in den Herkunftsgebieten hatten eine wahre „Auswanderungssucht“ zur Folge.