Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Heimatvertriebenen

Südwestdeutschland wurde bei Kriegsende von amerikanischen und französischen Truppen besetzt. Die zuvor existierenden Länder Baden und Württemberg, die im Nazi-Deutschland noch als „Gau“ bezeichnet wurden, hatten aufgehört zu bestehen. Die beiden Alliierten richteten zwei Besatzungszonen ein. Die – vorwiegend von logistischen Überlegungen bestimmte – Grenze verlief südlich der Autobahn von Karlsruhe nach Ulm. Nord-Württemberg und Nord-Baden gehörten zur amerikanischen Zone und wurden im September 1945 zum Land Württemberg-Baden zusammengefasst. Süd-Baden, Süd-Württemberg und Hohenzollern wurden der französischen Zone zugeschlagen, auf deren Gebiet im Herbst 1946 zwei Länder entstanden: (Süd-) Baden und Württemberg-Hohenzollern.

Die einzelnen Regionen waren von Krieg und Luftangriffen unterschiedlich betroffen. Große Schäden wiesen die Verkehrswege und viele Städte auf. Auf Straßen und Schienenwegen spielten sich in den Nachkriegsmonaten lange Zeit „Massenwanderungen“ ab. Zu den DPs, den rückkehrenden Evakuierten kamen die Flüchtlinge und Vertriebenen hinzu. Württemberg-Baden hatte entsprechend den amerikanischen Vorgaben innerhalb von nur zwei Jahren 800000 Vertriebene aufzunehmen. Die französische Regierung – nicht beteiligt an den Potsdamer Beschlüssen „der großen Drei“ - verschloss sich zunächst erfolgreich der Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen (Haus der Geschichte 2010, 10).

Nach Württemberg-Baden kamen – zunächst – vor allem Sudetendeutsche und Ungarndeutsche. Dies war den, wie im Fall des benachbarten Bayern, vergleichsweise kurzen Transportwegen geschuldet. In die französische Zone kamen, teils aber erst Jahre später – über Dänemark, und im Zuge einer „Umverteilung“ aus Nordwestdeutschen Ländern – Menschen aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg oder Schlesien. In Württemberg-Baden war der Anteil der Katholiken unter den Vertriebenen vergleichsweise hoch, in der französischen Zone der der Evangelischen. Bei der Volkszählung von 1950 betrug die Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge auf dem Gebiet Baden-Württembergs über eine Million Menschen.

 Bis 1961 stieg die Zahl durch weiteren Zuzug oder Binnenumsiedlungen auf rund 1,6 Millionen Menschen an – unterteilt auf rund 1,2 Millionen Vertriebene und weitere 415000 Flüchtlinge, bei letzteren sind die vor dem Mauerbau 1961 aus dem Land geflohenen DDR-Bürger mit eingerechnet. Damit lag der Vertriebenenanteil bei rund 26 Prozent der Bevölkerung in Nordwürttemberg, bei rund 21 Prozent in Nordbaden, bei 15 Prozent in Südbaden – und bei 17 Prozent in Württemberg-Hohenzollern. Der Gesamtanteil der Flüchtlinge und Vertriebenen an der Bevölkerung betrug zu dieser Zeit im neu gebildeten Baden-Württemberg annähernd 21 Prozent. Diese stellten den Hauptanteil an dem riesigen Bevölkerungszuwachs, den der Südwesten seit dem Kriegsende verzeichnete.

Statistisch gesehen – rein nach Zahlenanteilen - waren die Vertriebenen überwiegend jung, weiblich und katholisch. Nicht selten empfanden die Neubürger, wie sie von Amts wegen genannt wurden, ihre neue Heimat als Diaspora. Im überwiegend pietistisch-protestantischen Nordwürttemberg haben diese konfessionelle Verhältnisse durcheinandergewirbelt wie zuletzt der Dreißigjährige Krieg.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich die Bevölkerungszahl Baden-Württembergs von damals fünf Millionen Menschen auf 10,7 Millionen im Jahr 2003 mehr als verdoppelt, hatte das Statistische Landesamt im Jahr 2004 – knapp 60 Jahre danach, bilanziert. Auf das Bundesland im Südwesten konzentrierten sich damit 27 Prozent des gesamten Bevölkerungszuwachses in Deutschland zwischen 1945 und 2003 (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2004, 5).

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