Landeskunde Baden-Württemberg

 

Wichtigste Ereignisse seit 1945

Die Massenvertreibungen von Deutschen hatten ihren Ursprung in den seit dem Ersten Weltkrieg „gewachsenen“ Ideologien des ethnisch reinen Nationalstaats; die Gräueltaten der Nazis waren nicht alleiniger Auslöser, aber doch ein Verstärker dieser – oft von Emotion und Hass geprägten – Tendenzen. Der im März 1938 erfolgte „Anschluss“ Österreichs und im Oktober desselben Jahres die „Angliederung“ der seit 1919 zur Tschechoslowakischen Republik gehörenden Sudetendeutschen Gebiete, bildeten wichtige Motive. Die Besetzung des verbliebenen tschechischen Reststaats März 1939 durch die Deutschen – und der am 1.September 1939 erfolgte Überfall auf Polen – mit der faktischen Auflösung und Aufteilung des damaligen polnischen Staatsgebiets, als Beginn des Zweiten Weltkriegs, trug zur weiteren Frontstellung bei.

Mit bedingungsloser Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8.Mai 1945 und der vollständigen Besetzung des Reichsgebiets durch die Siegermächte begann auch eine massenhafte Flucht und Vertreibung der Deutschen. Das Jahrhunderte lang währende Zusammenleben von Deutschen und anderen Nationen in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas wurde abrupt beendet.

Schon im Sommer 1944 setzte – mit dem Umschwenken des bisherigen deutschen Verbündeten Rumänien auf die Seiten der Alliierten – eine erste Welle von Flucht und Evakuierung der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben ein. Dasselbe wiederholte sich mit Heranrücken der russischen Front in Ostpreußen ab Herbst 1944. Die nach dem Waffenstillstand zeitweilig in ihre ostpreußischen, ostpommerschen, oder schlesischen Heimatorte zurückgekehrten Deutschen unterlagen ab März 1945 der Verwaltung polnischer Behörden. Dort, aber zunächst vor allem in den südlich gelegenen Sudetendeutschen Gebieten der Tschechei begannen schon im Mai 1945 so genannte „Wilde Vertreibungen“: etwa in der mährischen Hauptstadt Brünn.

 

 

 

 

Auch in den ostdeutschen Gebieten waren solche Vertreibungen längst im Gange, als im Juni 1945 in Potsdam die Konferenz der alliierten Siegermächte begann. Planmäßige Massenvertreibungen der Deutschen gab es in diesen Wochen im polnischen und tschechoslowakischen Machtbereich, aber bald schon auch in Ungarn. In den Ostprovinzen und im Sudetenland führte das zur fast vollständigen Vertreibung.

Zu den Wirrnissen dieser Wochen kam hinzu: während die DPs, die (zeitweilig) Evakuierten, die Deportierten, die Kriegsgefangenen, die während des Kriegs Emigrierten, die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager – wenn auch nicht alle, und auch nicht alle sofort – nach Kriegsende in der Regel „nach Hause“ konnten, begann für Millionen von Deutschen aus Ost- und Südosteuropa nun eine Zeit von Heimatlosigkeit. Für die Phase von 1945 bis etwa 1950 wird die Zahl der Umgesiedelten, Geflohenen, Ausgewiesenen und Vertriebenen in Europa auf weit über 20 Millionen Menschen geschätzt. Deutlich mehr als die Hälfte davon waren deutsche Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebene des Krieges und der Nachkriegszeit – entweder als Reichsbürger, oder als Angehörige deutscher Minderheiten in Ost- und Südosteuropa. Die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen, hatten die allermeisten dabei nicht gehabt (Mathias Beer 2011, 12).

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