Landeskunde Baden-Württemberg

 

Wege der Revolutionäre

Die französische Revolution in Baden-Württemberg

Die Ideen der Französischen Revolution „Freiheit - Gleichheit -Brüderlichkeit" lassen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in den deutschen Staaten nicht unterdrücken. Vor allem in den Burschenschaften sowie in den neu entstehenden Gesang- und Turnvereinen wird die Forderung nach Demokratisierung und Einheit Deutschlands laut. Im Februar 1848 erkämpfen sich die Franzosen demokratische Freiheiten. Auch das deutsche Volk will Demokratie. In Berlin und Wien gibt es Unruhen. Die Fürsten geben rasch nach, setzen neue, liberale Regierungen ein und erfüllen einige der demokratischen Forderungen.

 Radikale" Demokraten wollen sich jedoch mit einer allmählichen Liberalisierung nicht zufrieden geben. Sie setzen auf das „Frankfurter Vorparlament". Als ihre Forderungen dort kein Gehör finden, ziehen unter der Führung von Friedrich Hecker im Frühjahr 1848 Franz Sigel, Joseph Weißhaar und Gustav Struve von verschiedenen Orten Südbadens aus in Richtung Karlsruhe los und wollen damit eine zentrale Revolution anzustoßen. Aus Frankreich kommend stößt Georg Herwegh mit seiner Legion zu den Freischärlern. Der Aufstand scheitert nach wenigen Tagen ebenso wie der von Gustav Struve im September 1848. Trotz des Scheiterns und der Flucht in die Schweiz wurde vor allem Friedrich Hecker zum Symbol des südwestdeutschen Traums von der Freiheit.

150 Jahre danach sollen die Wanderrouten den Weg der Revolutionäre von 1848/49 nachziehen. Unabhängig davon, wie wichtig die revolutionären Züge in der Revolution von 1848/49 tatsächlich waren, greift die Landeszentrale für politische Bildung diesen Aspekt als einen ihrer Schwerpunkte im Rahmen der Aktivitäten 1998/99 auf. Sie will damit auch neue Zielgruppen erreichen, wie z.B. Touristen im südbadischen Raum oder Schulklassen aus ganz Baden-Württemberg. 

Die Revolutionszüge

Dieser parallele Überblick über alle fünf Revolutionszüge zeigt deutlich, daß Kontaktaufnahmen und Absprachen immer wieder möglich waren, zumal Gustav Struve mehrfach hin- und herwechselte.


"Ü" bedeutet Übernachtung und ist soweit möglich angegeben.
 

Die Revolution in Gemeinden abseits der Revolutionszüge

Nicht nur in den in dieser Broschüre erwähnten Städten und Gemeinden machte sich die Revolution 1848/49 bemerkbar. Nach den Ereignissen in Frankreich erhitzten sich die Gemüter im Frühjahr 1848 auch andernorts, Nachrichten verbreiteten sich in Windeseile.

Als ein Beispiel sei das 1848 zum badischen Bezirksamt Meersburg gehörende Markdorf angeführt. Dort hielten am 17. und 18. März 1848 der Klufterner Pfarrer Johann Baptist Uhlmann und der liberale Konstanzer Kaufmann Zogelmann öffentliche Reden, um die Ideen der Revolution zu verbreiten. Die Reaktion in Markdorf und den umliegenden Gemeinden war eher zurückhaltend. Dem Aufruf, am Hecker-Zug teilzunehmen, folgten im April 1848 lediglich zehn Markdorfer, die jedoch mitsamt den Teilnehmern aus Hagnau von Pfarrer Uhlmann wieder zurückgeholt wurden, bevor sie den Sammelpunkt Stockach erreichten. Die Nachricht von der Niederlage Heckers und Struves hatte sich bereits verbreitet.

Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1848 fand in Markdorf ein Stimmungsumschwung statt. Seit dem Sommer exerzierte regelmäßig eine Kompagnie Freischärler von 200 Mann aus Markdorf und Umgebung. Versammlungen fanden statt, ein Volksverein entstand. Bei einer großen Volksversammlung am 4. Juni 1849 verlas der Schriftführer des Volksvereins Johann Baptist Rist vom Balkon des Gasthauses „ Adler" (bis heute erhalten) einen aufrührerischen Zeitungsartikel. In den Wochen darauf wurden in Zürich Musketen und Gewehre beschafft. Anfang Juli stellte sich die Markdorfer Kompagnie auf Kampf ein und zog nach Überlingen. Dort erfuhren die Männer von der Niederlage des badischen Heeres, sie kehrten in ihre Heimat zurück und die meisten flohen über den Bodensee in die Schweiz. Am 11. Juli besetzten bayerische Truppen die Stadt, die nachrevolutionäre Gerichtsbarkeit griff hart durch, und das öffentliche Leben war für Jahre gestört.

Ähnlich wird von Todtmoos berichtet, wie bei einer Bürgerversammlung Gewehre und Waffen gefordert wurden, um auf alles gefasst zu sein. Beim Gefecht in Kandern war eine Wehrmannschaft von 104 Todtmoosern dabei, die schon lange vorher militärisch geschult worden war.

Auf der sogenannten Schusterinsel (heute nicht mehr vorhanden) bei Weil am Rhein versammelten sich nach dem Aufruf Heckers am Gründonnerstag, dem 20. April 1848, einige Hundert Handwerksgesellen, darunter auch Schweizer und Revolutionäre aus Frankreich. Sie wollten sich mit Herweghs Truppe zusammentun und hielten Versammlungen ab. Am 25. April besetzten sie die Insel und erklärten die deutsche Republik.

Für die fünf in Staufen unschuldig hingerichteten Musikanten (vgl. Struve-Zug) wurde 1927 auf dem Friedhof in Weil ein Obelisk aus Granit errichtet.   
 

Vorbemerkungen

Selbstverständlich gab es auch in anderen Gebieten von Baden, Württemberg und Hohenzollern revolutionäre Aktivitäten. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg kann sich jedoch bei allen Projekten lediglich einzelne Ereignisse exemplarisch herausgreifen. Die Wanderrouten befinden sich in Südbaden zwischen Konstanz und Freiburg sowie der schweizerischen und der französischen Grenze.

In Zusammenarbeit mit interessierten und engagierten Bürgern, mit Vertretern örtlicher und regionaler Geschichtsvereine und Archive sowie mit dem Schwarzwaldverein wurde die Route erarbeitet. In dieser Broschüre wird im Einzelnen beschrieben, was heute zu sehen ist, was damals geschah und wie man heute wandern kann. Dabei können die Wanderrouten im Einzelnen nicht unbedingt identisch sein mit den historischen Wegen, zumal diese nicht immer genau nachzuvollziehen sind. Hingewiesen wird entweder auf Wege, die von ehrenamtlichen Mitgliedern des Schwarzwaldvereins gepflegt werden oder auf Gemeinde-Wege. An bedeutenden Punkten werden Informationstafeln angebracht. Die im Text abgedruckten Skizzen von Wanderrouten sind nicht maßstabsgetreu. Deshalb sei zusätzlich z.B. auf Karten des Schwarzwaldvereins verwiesen.

Ein herzlicher Dank gilt neben dem Redaktionsteam den Städten und Gemeinden entlang der Wanderrouten sowie einer großen Zahl von Autoren von Heimatbüchern, die das Team mit Informationen versorgt und damit die Grundlage für die Erarbeitung der Wanderroute gegeben haben. In der Literatur sind die Revolutionszüge noch nicht ausführlich behandelt worden. Angaben über die Anzahl der Teilnehmer beispielsweise schwanken teilweise erheblich. Angewiesen auf teilweise recht spärliche Quellen sind möglicherweise auch Fehler entstanden, die wir zu entschuldigen bitten. Die Hinweise auf die Wanderrouten werden nach bestem Wissen gegeben.

Die beteiligten Gemeinden werden unter ihren historischen Namen geführt, ein Hinweis auf Veränderungen – z. B. durch die Gemeindereform – erfolgt jeweils. Städte und Gemeinden, durch die mehrere Revolutionäre gezogen sind, werden nur einmal ausführlich beschrieben. Bei den übrigen Nennungen wird darauf verwiesen.

Wenn Sie sich über die lokalen Informationen hinaus informieren wollen und sich für die Revolution insgesamt interessieren sei hingewiesen auf den Anhang, der einen kurzen Überblick über die Revolution insgesamt, darüber, wie die Züge parallel verlaufen sind, sowie über Frauen in der Revolution von 1848/49 bietet.
 

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